Darf man das rituelle Gebet in der Muttersprache verrichten?

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Ihr Gläubigen! Kommt nicht betrunken zum Gebet ohne vorher zu wissen, was ihr sagt! Koran 4:43

In diesem Vers untersagt Gott diejenigen zum Gebet, der aufgrund der Betrunkenheit nicht mehr weiss, was er/sie sagt. Wie kann aus diesem Vers ein Analogieschluss gezogen werden, das Gebet zu verrichten ohne zu verstehen was man rezitiert? Was ist der Kern bzgl. des Verses? Geht es nur darum, nicht mehr betrunken zu sein? Oder geht es vielmehr darum, zu verstehen?

Auch ist es unter den Gelehrten der hanefitischen Rechtsschule unbestritten, dass die rituellen Gebete laut Abu Hanifa in der Muttersprache erlaubt seien. >Siehe Serahsi (gest. 1090 n.Chr.) in el-Mabsut und Ebu Zehre Usulu’l Figh u. in dem Werk von Abu Hanifa el-Alim ve’l Muteallim, el- Fikhul Ebsat.< Die Gelehrten der hanefitischen Rechtsschule überliefern in den erwähnten Quellen, dass selbst der Gründer dieser Rechtsschule “Abu Hanifa” (gest. 767) die Gebete in persischer Sprache vorgebetet hat.

Der kürzlich verstorbene Islam-Literaturwissenschaftler Abu Zaid (gest.2010) bestätigt diese in seinem Buch “Gottes Menschwort” indem er schrieb:

>>Die Frage, ob nicht-arabische Muslime beim Gebet den Koran in Übersetzung rezitieren dürfen, wurde zuerst von Abu Hanifa (gest. 767), dem Begründer der hanefitischen Rechtsschule behandelt. Er selbst war der Meinung, dass aus religiöser Sicht nichts dagegen spricht, wenn ein Muslim, der den Koran auf Arabisch weder lesen noch rezitieren kann, das Gebet mit Hilfe einer Übersetzung vollzieht. Er erlaubte das sogar für all jene, die etwas Arabisch gelernt haben, denen es aber weiter schwer fällt, den Koran auf Arabisch zu rezitieren. Siehe Muhammad Abu Zahra: Abu Hanifa. Hayatuhu wa’-asruhu, ara’uhu wa fighuhu (Abu Hanifa. Sein Leben, seine Zeit, seine Ansichten, seine Rechtsurteile), 2. Aufl., Kairo 1977, S. 241.<< (Vgl. Abu Zaid – Gottes Menschenwort, Herder Verlag S. 148)

Abu Hanifa ging sogar soweit mit der Sichtweise, dass sogar Passagen aus der Thora, die mit dem Koran komfortabel sind im Gebet rezitiert werden darf (Serahsi; Kitab al Mabsut 1/ 234).

Viele Gelehrte ziehen aus dem Vers 196 der Sure 26 (schuara) die Schlussfolgerung, dass der Koran, auch wenn er in einer anderen Sprache sinngemäß übersetzt wurde, als ein Koran bezeichnet werden darf.

So heißt es im Koran 26:196: “Und wahrlich, er ist in den vorausgegangenen (Offenbarungs-)Schriften enthalten”.

Abdullah bin Ahmet en-Nesefi (gest. 1301), der im sunnitischen Islam für seine Intelligenz und sein Wissen sehr geschätzt und geachtet wurde, kommt zum Entschluss, dass:

1. Wenn der Koran außerhalb der arabischen Sprache sinngemäß übersetzt wird, ist diese ebenfalls als “Koran” zu bezeichnen.
2. Mit der Übersetzung das rituelle Gebet zu verrichten wäre erlaubt. (Siehe hierzu Medariku’t-Tenzil)

Der Hadithgelehrte und Jurist der hanefitischen Rechtsschule Zeyla’i (gest. 1343) vertrat dieselbe Sichtweise, fügt jedoch folgendes hinzu:

“Da die anderen Schriften (wie die Psalmen, Thora, Evangelium) nicht in arabischer Sprache geoffenbart wurden, wäre es keine Pflicht, den Koran aus dem arabischen Text zu lesen”. (Vgl. Zeyla’i; Tebyinu’l-Haqaiq, 1/110-111)

In einem anderen Koranvers heißt es: “Hätten Wir ihn zu einem fremdsprachigen Koran gemacht, hätten sie gewiss gesagt:“Warum sind seine Zeichen nicht deutlich erklärt worden?” Koran 41:44

Der Vers sagt explizit aus, dass auch der fremsprachige Koran als “Der Koran” zu bezeichnen ist. Der Koran ist arabisch, weil Gott sich an das arabische Volk wendet.

“Siehe, Wir haben ihn (Koran) hinabgesandt, in arabischer Sprache vorgetragen, damit ihr versteht”. Koran 12:2

Hier geht es nicht um das Blinde nachsprechen der Einzelnen Koranverse. Der Koran appelliert an die Gläubigen, doch (über den Koran) nachzudenken, den Verstand zu gebrauchen: “Wollen sie denn nicht versuchen, diesen Koran zu verstehen?” [4:82]

Die Begründung, dass das arabische rezitieren des Korans im Gebet abgehalten werden müsse liegt oftmals darin, eine einheitliche Sprache der Gemeinschaft zu bewahren. Jedoch kommt es nicht auf die Sprache an, sondern auf den Inhalt. “Denn die Verschiedenartigkeit der Sprachen ist ein Wunderzeichen Gottes” heißt es im Vers 22 der Sure 30.

(…) Bis ihr wisst was ihr sagt (…) [4:43]

“Der Koran ist ein segensreiches Buch, das Wir dir herabgesandt haben und über dessen Verse sie nachdenken müssen. Alle Menschen mit Verstand sollen sich durch ihn ermahnen lassen”. (Koran 38:29)

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12 Responses to Darf man das rituelle Gebet in der Muttersprache verrichten?

  1. Eddy says:

    Sehr gut recherchiert!! Vielen Dank!

  2. Conrad says:

    Nette Seite, sehr informativ und schoen gemacht.

  3. Da ich das meiste ueber Facebook mache, die Frage: Gibt es eine Facebook Fan Page?

  4. Baycan Yanar says:

    aber sicher. gib bei Facebook oben in der Suchleiste einfach “Tavhid” ein.

  5. muslim says:

    salam,

    es wäre bei einem solch wichtigem Thema gut gewesen, die Argumente der Gegenmeinung auch darzustellen. Hast du dazu auch Quellen oder Beispiele? Denn ich stelle mir die Frage, woher ich denn weiß welche Übersetzung zuverlässig ist und ob dadurch das lernen des original Text nicht vernachlässigt wird und die Folge ist, dass gewisse Verse nur noch so verstanden werden, wie der Übersetzer es betrachtet hat.

  6. Baycan Yanar says:

    selam. Danke für deine Antwort. Da die Gegenthese sogut wie jedem bekannt ist, habe ich sie ausgelassen weil der Text sonst zulang wäre und ich dies den Leuten sparen wollte. Doch habe ich diese Themen in einem extra Artikel bearbeitet.

    Arabisch um den Koran zu verstehen?
    http://tavhid.de/?p=1303

    Gibt es Eindeutige und Mehrdeutige Koranverse?
    http://tavhid.de/?p=1091

  7. Baycan Yanar says:

    um deine Frage präziser zu beantworten, möchte ich vom Artikel “Arabisch umd en Koran zu verstehen?” eine besondere Stelle unterstreichen, jedoch ich dir den ganzen Artikel zu lesen nicht vorenthalte:

    “Hier geht es nicht um das Blinde nachsprechen/rezitieren der einzelnen Koranverse. Bei solchen Formulierungsproblemen die auftreten ist es nicht ausschlaggebend sich darauf zu konzentrieren buchstabengetreu die Worte wiederzugeben. Es kommt viel mehr auf die Essenz der Botschaft an die dem Menschen erreichen soll.”

  8. Ferhat says:

    selam,

    ich habe eine frage, ich möchte mir eine uhr kaufen, die mir so sehr gefällt jedoch ist es aus schweineleder. ich wollte wissen, ob ich das tragen darf oder nicht? und ob ich damit meine gebete verrichten kann.
    ich würde mich auf eine antwort sehr sehr freuen.

  9. Baycan Yanar says:

    Selam. Das Schwein an sich ist nicht Haram, sondern nur das Verzehren laut Koran.

    Wslm

  10. Jutta Soraya says:

    Toll, toll, toll!! Tesekkürler Dir Baycan für Deine Erarbeitung dieses Beitrags, finde ich sehr wertvoll & wichtig! Werde es wieder teilen!

  11. simsek2314@gmail.com says:

    Subhanallah, wallahi Imam Abu Hanifa und auch andere Gelehrte der Hanafiyya haben nie soetwas erlaubt, dass man in einer anderen Sprache z. B. Fatiha Ruku2 und Sujud und Tahiyatu usw. auf Persisch oder Türkisch sagen kann. Dieser Abu Zaid, der kurzlich gestorben ist, wird von keinem Muslim als ein guter Muslim bezeichnet und in Ägypten walllahi ging er so weit, dass sogar Husni Mubaraks Regim seine Frau durch einen Gerichtsbeschluss von ihm schaden ließ, weil er als Nichtmuslim gesehen wurde, denn er hat lauter solche Lügen über Imame wie Abu Hanifa erzählt. ُEs waren Abu Yusuf und
    Muhammad zwei GEfährten des Imam Abu Hanifa, die das aber anders sagten und zwar, dass wenn jemand der in Arabisch kann, für den haram ist. In der Zeit von Atatürk hat er sich eine sogenannte Ulamaul Salatin gekauft, um solche sachen Halal zu machen. ER fand sogar auch Hucas, die halal machten dass man Azan auf Türkisch machte, in dem sagte: Allah büyük dir, Allah büükdir (Allahu akbar, Allahu akbar)
    Hier mit Dalil der Ulama etwas ausführlicher:
    Auf die Frage
    هل تجوز الصلاة بلغة غير العربية؟ هل صحيح أن الرسول عليه السلام أمر صحابيا بترجمة الفاتحة بغرض الصلاة بها؟
    الإجابــة
    الحمد لله والصلاة والسلام على رسول الله وعلى آله وصحبه أما بعد:

    فأقوال الصلاة منها القرآن وغيره، ومنها الفرض والمستحب، والخلاف بين أهل العلم في ترجمة كلٍّ طويلٌ.
    فالقراءة بغير العربية ممنوعة عند جمهور العلماء المالكية والشافعية والحنابلة، سواء أحسن القراءة بالعربية أم لم يحسن؛ لأن الله عز وجل أمر بقراءة القرآن فقال: فَاقْرَأُوا مَا تَيَسَّرَ مِنَ الْقُرْآنِ[المزمل:20].
    والقرآن هو المنزل بلغة العرب. قال ابن قدامة في المغني: ولا تجزئه القراءة بغير العربية ولا إبدال لفظها بلفظ عربي، سواء أحسن قراءتها بالعربية أو لم يحسن، وبه قال الشافعي وأبو يوسف ومحمد. وقال أبو حنيفة: يجوز ذلك. وقال بعض أصحابه: إنما يجوز لمن لم يحسن العربية. اهـ
    وأوجب هؤلاء على المكلف تعلم الفاتحة ولو بالرحلة، فإن عجز عن تعلمها اختلفوا في فرضه، فمنهم من أوجب عليه الائتمام بغيره ممن يحسنها، وهذا مذهب المالكية، ومنهم من أوجب عليه البدل من القرآن أو الذكر، وجوز الشافعية ترجمة الذكر الذي يقال بدلاً من الفاتحة. وذهب أبو يوسف ومحمد صاحبا أبي حنيفة إلى أن المصلي إن كان يحسن العربية لم يجز له أن يقرأ القرآن بغيرها، وإن كان لا يحسن يجوز. وقد كان الإمام أبو حنيفة -رحمه الله- يرى جواز القراءة بالفارسية، ولكنه رجع عن هذا القول إلى قول صاحبيه.
    وأما التكبير والتشهد وأذكار الصلاة، فلو كبر المصلي بغير العربية ذهب أبو حنيفة إلى جواز فعله مطلقًا، واشترط الجمهور للتكبير بغير العربية العجز عن العربية بعد تعلمها. واختلف المالكية فيما لو عجز عن التكبير بالعربية، فمنهم من وافق الشافعية والحنابلة في ترجمته، ومنهم من قال بسقوطه. قال ابن قدامة الحنبلي في المغني: ولا يجزئه التكبير بغير العربية مع قدرته عليها، وبهذا قال الشافعي وأبو يوسف ومحمد. وقال أبو حنيفة: يجزئه. اهـ
    وأما التشهد الأخير والصلاة على النبي صلى الله عليه وسلم، فيجوزان بغير العربية للعاجز عنها، ولا يجوزان للقادر، هذا مذهب الشافعية. وأما المالكية فظاهر مذهبهم كراهة ذلك للقادر على العربية، وجوازه للعاجز كما قال الخرشي في شرحه لمختصر خليل ، قال: وكره كما في المدونة دعاء في الصلاة وإحرام وحلف بعجمية لقادر على العربية، ولا بأس أن يدعو بها في غير الصلاة ومفهومه الجواز للعاجز. اهـ
    وأما السلام فإن عجز عن العربية جاز له السلام بغيرها. وأما الدعاء بغير العربية في الصلاة فالمنقول عن الحنفية الكراهة، وهذا ما يفهم من مذهب المالكية كما في النقل السابق عن الخرشي.
    وقد فصل الشافعية الكلام، فقالوا: الدعاء في الصلاة إما أن يكون مأثورًا أو غير مأثور، أما الدعاء المأثور ففيه ثلاثة أوجه: أصحها – ويوافقه ما ذهب إليه الحنابلة – أنه يجوز بغير العربية للعاجز عنها ولا يجوز للقادر. وأما الدعاء غير المأثور في الصلاة فلا يجوز اختراعه والإتيان به بالعجمية قولاً واحدًا.
    هذا تفصيل مذاهب العلماء في مسألة الصلاة بغير العربية. وأما الحديث الذي أشار إليه السائل، فلا نعلم حديثًا بهذا المعنى.

  12. Baycan Yanar says:

    Selam. Zum Thema Abu Hanifa, da muss ich korrigieren. In dem artikel habe ich die zuverlässigste hanefitische Quelle aus dem 10. Jahrhundert von Sarahsi angegeben, die von allen hanefitischen Gelehrten als die zuverlässigste Quelle bezeichnet wurde und immer noch wird.

    Ps: Über Abu Zaid kam nur deshalb solche ungerechtigkeiten, weil die ultra orthodox konservativen Muslime in den arabischen Ländern die Macht haben. Sie begrenzen den Islam auf ihr eigenes Verständnis und verbreiten nichts außer Schaden und Unheil in der Gemeinschaft. Zu meinen, das Monopol über die Absolute Wahrheit zu besitzen ist unislamisch.

    Und noch was ganz wichtiges; Abu Yusuf sagte wortwörtlich; “Wir lernten von Abu Hanifa nicht die Religion, sondern nur die Rechts und Jurisprudenz (Figh). Das bedeutet nichts anderes, ihn als Kafir zu bezeichnen.

    Wslm.

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