Gibt es Eindeutige und Mehrdeutige Koranverse?

“Dies ist eine Schrift, deren Verse eindeutig (Muhkamat) und dann im Einzelnen erläutert sind (…)” Koran 11:1

Man könnte dahingehend meinen, dass Gott in diesem Vers eine Interpretation der Menschen nicht zulässt, weil Gott sie im Zusammenhang anderer Verse Selbst erläutert.

Die Mehrheit der Gelehrten betrachten  diesen Vers jedoch im Zusammenhang mit Sure 3, Vers 7: “Er ist es, der die Schrift auf dich herabgesandt hat. Darin gibt es eindeutige Verse (aayaat muhkamaat)  sie sind die Urschrift und andere, sich ähnelnde  (mutaschaabihaat) (…)”, worauf sich die ähnelnden (oder auch allegorischen) Verse einer Interpretation ausgesetzt sind. Vgl. Muhammad Abduh, Tefsiru’l Menar 3/226

Einige Koran Ausgaben begrenzten den Begriff “mutaschaabihat” nur als “mehrdeutige Verse”. “Historisch betrachtet gibt es nirgends eine Überlieferung darüber, dass die Weggefährten des Propheten (s.) die Verse unterschiedlich auslegten” Prof. Dr. Süleyman Ates 2/15. Jedoch lässt sich der Begriff in anderen Koranversen bestätigen, dass es sich nicht nur um mehrdeutige, sondern sich auch um etwas “ähnelndes” handelt wie z.B. in Sure 2:25(…) Doch ihnen wird nur ähnliches gegeben. (…) Siehe auch hierzu die Sure 39:23.

Als Beispiel führt uns der ägyptische Gelehrte Muhammad Abduh (gest. 1905) folgende muhkamaat und mutaschaabihaat Verse:

Muhkamat:
“Sag: Kommt her! Ich will verlesen, was euer Herr euch verboten hat: Ihr sollt ihm nichts beigesellen. Und zu den Eltern sollt ihr gut sein. Und ihr sollt nicht eure Kinder wegen Verarmung töten – Wir bescheren euch und ihnen den Lebensunterhalt. Und ihr sollt euch auf keine abscheulichen Handlungen einlassen, was davon äußerlich sichtbar oder verborgen ist, und niemanden töten, den (zu töten) Allah verboten hat, außer wenn ihr dazu berechtigt seid. Dies hat Allah euch verordnet. Vielleicht würdet ihr verständig sein”. Koran 6:151

Mutaschaabihat:
“Der Barmherzige hat sich auf dem Thron zurechtgesetzt”. Koran 20:5

“Allahs Hand ist bei ihrem Handschlag mit dir über ihrer Hand”. Koran 48:10

Weiter heißt es in Sure 3, Vers 7: (…) Diejenigen nun, die in ihrem Herzen abschweifen, folgen dem, was sich darin ähnelt, wobei sie darauf aus sind, die Leute unsicher zu machen und es (nach ihrer Weise) zu deuten. Aber niemand weiß es wirklich zu deuten außer Gott und diejenigen, die über tiefgreifendes, fundiertes Wissen verfügen. Sie sagen: “”Wir glauben daran. Alles (,was der Koran enthält,) ist von Gott, unserem Herrn.”" So denken nur die, die sich ihres gesunden Verstandes bedienen.

Die Mehrheit der klassischen Koran Kommentatoren übersetzten den letzten Abschnitt dieses Verses jedoch anders indem sie den Satz durch zwei geteilt haben : “”Die einzig richtige Deutung weiß nur Gott allein. Diejenigen aber, die über tiefgreifendes, fundiertes Wissen verfügen, bekennen: “Wir glauben daran.”"

Somit würde man unzweideutig der Behauptung gelangen, dass nur diejenigen, die über tiefgreifendes Wissen verfügen an den Koran glauben. Jedoch sind beide Übersetzungen nicht verkehrt. Wir können nicht von vornherein behaupten, dass die Mehrdeutigen und Eindeutigen Verse ihren festen Platz hatten. Einige Verse die zur Zeiten des Propheten als mehrdeutig kategorisiert wurden, sind nach einigen Jahrhunderten später als eindeutig erklärt z.B. der Begriff “alak” in Sure 96: “Er erschuf den Menschen aus einem Blutklumpen.” Oder  in 23:14: “Dann bildeten Wir den Tropfen zu einem Blutklumpen; dann bildeten Wir den Blutklumpen zu einem Fleischklumpen; dann bildeten Wir aus dem Fleischklumpen Knochen; dann bekleideten Wir die Knochen mit Fleisch; dann entwickelten Wir es zu einer anderen Schöpfung.” (Koran: 23:14)

Heute erst durch die Wissenschaft für Embryologie/Anatomie sind wir zur Erkenntnis über den Entwicklungsprozess des Menschen gelangt und können mit moderner Technologie einiges erklären, die damals vor 1400 Jahren nicht möglich waren. Was damals als Mehrdeutig galt, gilt heute als Eindeutig. Wenn wir davon ausgehen, dass nur Gott allein das Wissen über die Deutung der Verse verfügt, so sind es Punkte die erwähnt sind, jedoch erst in Zukunft eintreffen. Das Eintreffen der Stunde (Jüngste Tag), das Wiedererwecken der Menschheit, Angelegenheiten des Paradieses oder den Qualen der Hölle sind nicht in die Kategorie der Mehrdeutigen einzuordnen, sondern als das Verborgene, worüber Gott allein das Wissen darüber verfügt (Ahmet Baydar – Kur’an ve Mütesabihler S. 71, 105)

Beide Übersetzungen zu akzeptieren liegt nicht im Wiederspruch wenn wir folgendes betrachten: Das Wissen, wann der Jüngste Tag einbricht liegt bei Gott allein. Die über tiefgreifendes, fundiertes Wissen verfügen wissen das und glauben daran.

Von Ibn Abbas (Der Cousin des Propheten) wird überliefert: “Der Gesandte Gottes machte für mich ein Bittgebet: “”O Herr, mach alle Koranverse für Ihn (Ibn Abbas) deutlich sodass er alles versteht”". Und dadurch gab Gott mir die Kraft, alle Koranverse (zu der Zeit) zu verstehen und auszulegen (Tevi’l). (Vgl. Buhari, Vudu 10; Muslim, Fedailu’s-sahabe 138; Ahmed b. Hanbel 1, 266, 314)

In der Koranexegete von Imam Qurtubi (gest. 1273) positioniert er sich kritisch über die Auslegung derer, die der Ansicht sind, dass nur Gott allein das Wissen über die Mehrdeutigen (mutaschabih) Verse verfügt. Er stellt sich die Frage, weshalb einige Gelehrte wie Ibn Abbas diese Mehrdeutigen Koranverse interpretieren könnten, wenn es laut dieser Interpretation garkeine Möglichkeit gibt. Zudem erwähnt er einen bedeutenden Gelehrten & Koranexeget wie Mujahid (gest. 723), der die selbe Position vertrat wie der von Ibn Abbas. Dadurch zieht er einen Analogieschluss, dass “diese Auslegung von der man ausgeht, dass Gott allein das Wissen darüber verfügt nicht richtig sein kann. Wie sonst hätten diese (Tabiun) Gelehrte so etwas behaupten können? Wenn davon die Rede ist, dass nur Gott allein das Wissen darüber verfügt, dann sind es Themen wie die Seele (ruh) oder das Einbrechen der Stunde” (siehe hierzu:  El Camiul Li Ahkami´L- Kur´an, Bd. 4, S. 107-110).

Abdullah bin Abbas sagte folgendes: “Es gibt vier Arten vom Wissen/Auslegungen (Tafsir). 1: Die eine Art ist für jeden leicht verständlich. Die Zweite Art wissen nur die Araber, die der Sprache Mächtig sind. Die Dritte Art wissen nur diejenigen, die sich tiefgründig damit befassen. Die Vierte Art weiß Gott allein”. (Ibn Kathir Band 2/182)

Als Gegenposition wird häufig folgender Vers herangeführt: “Wir haben den Koran leicht gemacht, danach zu handeln” (Koran 54:17).

Der mutazilitische (eine rationalistisch ausgerichtete Schule der islamischen Theologie) Koranexeget al-Zamakhshari (gest. 1144) geht davon aus, dass diejenigen, die sich tiefgründig mit dem Koran befassen, die Verse deutlich besser verstehen können. Sie sind jene, die in ihrem Wissen eine Stabilität besitzen und weitsichtig sind und diese im Leben besser umsetzen können (al-Zamakhshari, al-Kashshaaf 1/577).

Wieso gibt es denn Interpretationsbedürftige Koranverse?

“Gott hat uns die Vielfältigkeit der Interpretationsbedürftigen Koranverse herabgesandt, damit unser Verstand niemals ausstirbt und sich in einem ständigen Prozess zum nachdenken befindet. Anders würde es fatale Folgen für den Menschen haben, wenn die Religion nichts mehr hätte, wonach man an Wissen streben müsse”. Muhammad Abduh – Tefsiru’l Menar 3/235-248

Bestätigend zeigen sich hierzu folgende Koranverse:
“Wollen sie denn nicht versuchen, diesen Koran zu verstehen?” [4:82]

” [...] und dass Er es ist, der das abscheuliche Übel jenen auferlegt, die ihren Verstand nicht gebrauchen wollen.” [10:100 ]

“Der Koran ist göttliche Offenbarung, seine Interpretation jedoch sind Menschenwerke” (Nasr Hamid Abu Zaid)

 

 

 

 

 

 

 

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4 Responses to Gibt es Eindeutige und Mehrdeutige Koranverse?

  1. Ecevit says:

    Selam,
    die aufgeführten Quellen sind sehr eindeutig. Besonders die übersetzten Passagen von Muhammad Abduh´s Tafsir “Tefsirul Menar”.Es ist sehr schade, dass so ein wichtiges Tafsir nicht in der Deutschen Sprache vorliegt.Vielleicht können wir getrost hoffen, in Zukunft näheres darüber in http://www.Tavhid.de zu erfahren (:)).

  2. Eddy says:

    Slm die Sure 11:1 kann auch anders interpretiert werden etwa Bobzin:

    ”ein Buch, dessen Verse wohlgefügt(?) sind, dann ausgelegt von Seiten eines Weisen, Kundigen”

    oder Muhammad Asad (der wohl beste Kenner der arabischen Sprache auch beduinischer Dialekte):

    Eine Göttliche Schrift (ist dies) mit Botschaften, die in und durch sich selbst klargemacht sind und auch im einzelnen dargelegt sind – (dir erteilt) aus der Gnade des Einen, der weise, allgewahr ist,

    das 2. Bsp würde zB nicht im Konflikt mit Sure 3:7 stehen

    oder von Murad W. Hofmann:

    Sure 11:1

    (Dies ist) ein Buch, dessen Verse eindeutig bestimmt und dann im einzelnen erklaert sind, von einem Weisen, einem Kundigen

    auch diese Übersetzungsform laesst İnterpretationsmöglichkeiten offen um nicht zB mit Sure 3:7 im Konflikt zu stehen

    LG Eddy

  3. Baycan Yanar says:

    Bobzin’s übersetzung ist nicht überzeugend meiner meinung nach. Diese Übersetzung muss begründet werden. laut 11:1 sind alle Verse des Korans Muhkem (Eindeutig), und laut 39:23 sind sie alle Mütesabih (ähnelnd). doch laut 3:7 sind einige Muhkem und einige Mütesabih. Chronologisch betrachtet ist die 3:7 als letztes offenbart worden. die 3:7 ist in medina, und 11:1 ; 39:23 in Mekka geoffenbart worden. Welcher Vers vom welchem Vers erklärt worden ist, ist ebenfalls eine Interpretation. Fazit: Die 11:1 und die 39:23 sind von 3:7 erkärt worden.

    ps: ob Asad der beste kenner der arabischen Sprache ist, darüber kann man streiten :) )

  4. Eddy says:

    Der neue Artikel ist super!!! Respekt!!!!!!!!!!!!!!

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