Ist es erlaubt gewesen, mit Sklavinnen unehelichen Geschlechtsverkehr zu haben?

Rasoul_Allah_Wallpaper_II_by_mido4design

 

“Und sich des Geschlechtsverkehrs enthalten, außer gegenüber ihren Gattinnen, oder was sie (an Sklavinnen) besitzen, (denn) dann sind sie nicht zu tadeln”. (Qur’ān 4:24; 23:5-6)

Im vorliegenden Artikel wird der Geschlechtsverkehr zwischen verheirateten (azwāj) und Sklaven (dschāriya) im Islam behandelt. Der grundlegende Terminus (mā malakat aymānuhum), welches überwiegend als „die ihr von rechtswegen besitzt“ übersetzt wurde, sei in der Exegesentradition zweifellos Anlass dafür gewesen, den Verkehr mit Unfreien ohne Ehevertrag somit zu legitimieren. Dies hat in der Geschichte nach wie vor viele Muslime dazu animiert, mit ihren Haushälterinnen bzw. Dienstmädchen zu verkehren, ja sogar gegen ihren Willen sexuell zu missbrauchen, welches in Saudi Arabien heute noch vereinzelt verbochen wird. Die Ausgabe “Junge Welt” schrieb am 06.09.2012: “Die Sklavenhalter sind in aller Regel »weiße Mauren«, Araber, die vor allem im Norden leben. Die Leibeigenen stammen aus dem überwiegend schwarzen Süden. Meistens sind es Frauen und Kinder, die umsonst im Haushalt helfen oder auf den Feldern arbeiten müssen und oft von ihren Herren auch sexuell ausgebeutet werden” (Gerrit Hoekman).

Auffällig sei hierbei, dass der meist zitierte Exeget Fachr ad-Dīn ar-Rāzī (gest. 1209) in diesem Zusammenhang (soweit mir bekannt außer von Muhammad Asad) ausgerechnet in diesem Thema nicht erwähnt wird, demzufolge der Terminus „mā malakat aymānuhum“ sich explizit auf „Ehefrauen, die von rechtswegen besitzt werden“ dahingehend gemeint ist. Dies gibt zur Erkenntnis, dass sowohl klassische als auch einige moderne Exegesen von der männlichkeitsdominierenden Fiqh (Jurisprudenz) geprägt sind. Bedauerlicherweise wurde Rāzī selbst in wissenschaftlichen Arbeiten wie von Johanna Pink (Sunnitischer Tafsir in der moderne…) nicht zitiert, obwohl Rāzī unbestritten zu den bedeutendsten und umfangreichsten Primärquelle in der Literatur lokalisiert ist.

Wie wir anhand der Beispiele sehen werden, trägt nicht der Qur’ān, sondern die Exegetentradition einschließlich ihre Interpretation die Verantwortung für solche Schlussfolgerungen. Auch der zeitgenössische Gelehrte Prof. Dr. Süleyman Ateş nimmt zu diesem Thema keine klare Stellung in seinem 12 Bändigen Tafsīr. Er kritisiert zwar die Sklavenhaltung in dem er sich an gewisse Qur’ān Passagen stützt (wie z.B. in 90: 12-13 wo es heißt: “Doch wie kannst du wissen, was das Hindernis ist? Die Befreiung eines Sklaven!”), hinterfragt jedoch nicht das Thema mit dem Geschlechtsverkehr bzgl. der Sklaven:
Der Qur’ān hat die Sklaverei nicht erfunden, sondern es war eine gängige Praxis die viele Jahrhunderte vor dem Islam stattgefunden hat. Es hat sich in einer Zeit und Gesellschaft offenbart, wo diese weit verbreitet war. Der Qur’ān hat sie nicht ins Leben gerufen, sondern vorübergehend nur akzeptiert. In vielen Qur’ānversen wurden die Muslime aufgefordert, die Sklaven zu befreien und sie ermutigt, sie zu verheiraten und sie nicht schlecht zu behandeln” (Süleyman Ateş – Yüce Kur’an’ın Çağdaş tefsiri Band 6, S. 85).

Der pakistanische Jornalist und Exeget Abu A’la Maududi (gest. 1979) kommentierte diese Angelegenheit betreffend, dass Gott den Geschlechtsverkehr mit einer Sklavin ohne sie zu heiraten erlaubt (siehe Tefhimu’l Kur’an Band 3, S. 402).
Seyyid Qutb (gest. 1966) kommentiert: “Der Koran erlaubt die sexuelle Beziehung nur mit ihren Ehepartnern und Sklavinnen, die sie ja von rechts wegen besitzen” (Fizilali’l Kuran Band 12, S. 22).
Gebietet der glorreiche Qur’ān tatsächlich den Geschlechtsverkehr mit einer Sklavin? Wie sollen wir diese Verse betrachten? Was sagen die anderen Verse dazu? Ist es philologisch und historisch vereinbar?
In anderen Passagen des heiligen Buches sehen wir, dass Gott den Muslimen empfiehlt, die Sklavinnen zu verheiraten:


“Verheiratet die ledigen Frauen und Männer, die unter euch sind, desgleichen die Rechtschaffenen unter euren Sklaven und Sklavinnen”! (Koran 24:32)
Wie kann es sein, dass Gott einmal die uneheliche Beziehung gegenüber den Sklaven gebietet, und andererseits dass heiraten empfiehlt?
Die Begriffe “Oder jene, die ihre rechten Hände besitzen (aw mā malakat aymānuhum)” sind laut Rāzī und Muhammad Asad wie folgt zu deuten:

Einige der hervorragendsten Kommentatoren vertreten zu 4:24 die Ansicht, dass “mā malakat aymānuhum” hier bedeutet >> Frauen, die ihr durch Ehe rechtmäßig besitzt <<; so Fachr ad-Dīn ar-Rázī (gest. 1209) in seinem Kommentar Mafatih al- Ghayb 7/484-489. Rāzī weist darauf hin, dass der Bezug auf  >> alle verheirateten Frauen <<  (al-muhsanat min an-nisa), der ja auf die Aufzählung der verbotenen Verwandtschaftsgrade folgt, das Verbot von geschlechtlichen Beziehungen mit allen Frauen außer der eigenen rechtmäßigen Ehefrauen betonen soll. Die Koranexegeten nehmen zu 23:6-7 unhinterfragt an, dass sich (aw mā malalat aymānuhum)  auf weibliche Sklaven bezieht und dass die Partikel “aw“ (oder) eine statthafte Alternative bedeutet. Diese übliche Interpretation ist meines Erachtens insofern unzulässig, als sie auf der Annahme beruht, dass Geschlechtsverkehr mit der weiblichen Sklavin ohne Eheschließung erlaubt ist. Eine Annahme, der vom Koran selbst widersprochen wird (siehe 4:3, 4:24, 4:25 und 24:32) – (siehe hierzu: Muhammad Asad – Die Botschaft des Koran S. 154 & 653; Mustafa Islamoglu – Hayat Kitabi Kur’an S. 661; wie auch Ihsan Eliacik – Yasayan Kur’an S. 166).
Einer Überlieferung zufolge heißt es: “Qatada (gest. 674) sagt: Eine Frau hatte mit ihrem Sklaven Geschlechtsverkehr in dem sie sich auf den Vers 6-7 der Sure 23 (Mu’minun) bezog. Sie wurde daraufhin zu Omar bin Hattab (dem 2. Kalifen) gebracht. Omar erwiderte: “Du hast den Vers nicht rechtmäßig ausgelegt!”, schlug dann den Sklaven und sein Urteil über die Frau war, dass sie von nun an keinem Muslim mehr zur Ehe erlaubt sei” (siehe Ibn Kathir Tafsir Band 6, S. 465, Kahraman Yayinlari & Taberi Tefsir 3/215, Hisar Verlag).
Das Urteil vom 2. Kalifen Omar ist mit dem Geist des Qur’ān nicht kompatibel. Es verstößt gegen sämtliche regeln der Offenbarung, einer Frau wegen einer falschen Interpretation für immer die Ehe mit einem Muslim zu verwehren. Durch das heranführen der Überlieferung ist es nicht beabsichtigt, Omars Urteil rechtlich darzustellen, sondern lediglich darin, dass die Interpretation der Frau diesbezüglich von Omar nicht akzeptiert wurde. Eigentlich genügen zwei Koranverse der Sure “Die Frauen”, um Omars Rechtssprechung über die eheliche Zukunft der Frau zu bestimmen!


“Wer Böses begeht oder sich selbst Unrecht tut und dann Gott um Vergebung bittet, wird Gott voller Vergebung und Barmherzigkeit finden“ (Qur’ān 4:110).


“Wahrlich, Allah wird es nicht vergeben, daß Ihm Götter zur Seite gestellt werden: doch Er vergibt, was geringer ist als dies, wem Er will” (Qur’ān 4:116).

Wie wir oben anhand der Beispiele sehen konnten, handelt es sich hier um einen grammatikalischen Fehler bei der Deutung “aw mā malakat aymānuhum“  der Gelehrten. Daher können wir getrost davon ausgehen, dass der Qur’ān unehelichen Geschlechtsverlehr mit Sklavinnen nicht zugelassen hat.
Obwohl es in einigen Hadith-Überlieferungen davon berichtet wird, dass Männer mit verheirateten Frauen, die im Krieg erbeutet wurden sogar sexuellen Verkehr praktizieren durften [Muslim, Rada b. 9, h. 33-35; Abu Dawud, Nikah: 45; Dārīmī, Talak: 36; 9/51], ist es notwendig, solche Überlieferungen durch den Sieb des Qur’ān zu destillieren.

Auch ist es in den Überlieferungen nicht zu übersehen, dass der Prophet die Muslime immer dazu ermutigt hat, die Sklavinnen gut zu behandeln und ggf. freizulassen, ihren Besitzer nicht als “mein Herr” anzusprechen und die Besitzer ihre Sklaven nicht als “mein Sklave” zu bezeichnen [Buharī, Itk: 17; Muslim, Elfaz, Bab: 3, hadis: 13, 15; Abu Dawud, Adab: 75; Ibn Hanbal, 2/316, 423…].


“(…) und die auf ihre Keuschheit achten, (nicht ihrem Verlangen nachgeben) mit irgend jemandem außer ihren Ehepartnern – das heißt jene, die sie rechtmäßig (durch Ehe) besitzen (…) Qur’ān 4:24, (Übersetzung von Rāzī).

This entry was posted in Allgemein. Bookmark the permalink.

3 Responses to Ist es erlaubt gewesen, mit Sklavinnen unehelichen Geschlechtsverkehr zu haben?

  1. Eddy says:

    Ja sehr gut recherchiert!

    Weiter so!

    LG Eddy

  2. Pingback: Die Zeitehe und die Begierden im Islam | TAVHID

  3. Ramis Örlü says:

    Zu diesem Thema lese ich gerade das Buch von Ali Riza Demircan (http://www.alirizademircan.net/eserler/detay.aspx?SectionID=sBBHiUoOnHeqNq4ACYN7UA%3D%3D&ContentId=FT4nRZOZxATFF31X7gY8vw%3D%3D; kostenlos online verfügbar). Sein Video-Vortrag könnte ebenfalls von Interesse sein (http://www.youtube.com/watch?v=dAomPlt_xcs). Gibt es zu diesem Thema noch andere Werke, die sich explizit mit diesem Thema beschäftigen?

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>