Warum war Ali ibn Abi Talib (r) nicht erster Kalif?

Ein Gastbeitrag von Antikezukunft.de

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Tatsächlich wird heute noch ernsthaft darüber spekuliert, weshalb Abu Bakr (gest. 634) und nicht Ali ibn Abi Talib (gest. 661) zum ersten Kalifen gewählt wurde. Kurz nach dem Ableben des Propheten Muhammad (s) wurde über dessen Nachfolger zum Führer der Umma (Gemeinschaft der Muslime) eine hitzige Auseinandersetzung geführt. Die Nachfolgestreitigkeiten spaltete damals die Umma, so dass dessen Tragweite bis in unsere Tage hinein durchgedrungen ist. Der Religionswissenschaftler Dr. Jamal Elias schreibt dazu: „Die Nachfolgestreitigkeiten nach Muhammads Tod wurden aber auch zum Auslöser für das erste Schisma innerhalb des Islams, dass bis heute fortbesteht  (Islam, S. 57, Herder spektrum).

Sunniten begründen die Wahl von Abu Bakr (r) zum ersten Kalifen hauptsächlich mit den folgenden vier Punkten:

  1. Dass sämtliche Überlieferungen vom Propheten Muhammad (s) schon in der Frühzeit besonders auf die Vorzüglichkeit der Rheinfolge der späteren drei Kalifen darauf hingewiesen haben: „Ibn Umar (r) berichtete: „Wenn wir zur Zeit des Propheten, Allahs Segen und Friede auf ihm, von der Vorzüglichkeit der Menschen sprachen, gaben wir den Vorrang Abu Bakr, dann Umar Ibn Al-Hattab, dann Uthmann Ibn Affan(Siehe hierzu: Der deutsche Mufti, Muhammad Rassoul, S.44). Der kurdische Gelehrte Said Nursi (gest. 1960) unterstrich die Position von den Leuten der Sunna (Ehli Sunna ve-l Djemaat) mit dem folgenden Satz: „Die Ehli Sunna ve-l Djemaat sagen: „Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, war der vierte der rechtgeleiteten Kalifen. Hasret-i Siddiq (Abu Bakr), mit dem Gott zufrieden sein möge, war besser als er und als Kalif würdiger als er. Deshalb wurde er der erste Kalif“ (Blitze, S. 42, Said Nursi).
  2. Dass der Gesandte Gottes während seiner Krankheit, die ihn vor allem daran hinderte, das gemeinschaftliche Gebet zu verrichten, Abu Bakr (r) mit der Leitung des Gebetes beauftragte dieses zu leiten. Das sei ein offenkundiger Hinweis vom Propheten gewesen, dass Abu Bakr (r) sein stellvertretender Nachfolger sei (vgl. El-Bidaye ve´n Nihhaye, Bd. 6, S. 427, Ibn Kesir).
  3. Gegen Ali´s (r) Nominierung zum Kalifen sprach sein junges Alter. Denn zum Zeitpunkt des Todes vom Propheten Muhammad (s) war Ali (r), wie die Quellen berichten, Anfang dreißig gewesen (Jamal Elias, Islam, S. 60).
  4. Dass Ali (r) angeblich gar kein Interesse am Amt des Kalifen gehabt habe. Die islamischen Historiker berichten einhellig davon, dass Ali (r) mit seiner Familie ahl al-bayt (Leute des Hauses) während der Wahl von Abu Bakr (r) zum Nachfolger, sich hauptsächlich um das Begräbnis des Propheten kümmerte und somit nicht zur Kandidatur zur Verfügung stand (siehe hierzu: Islam Tarihi, Bd. 1, S. 280, Ibrahim Hasan).

Allerdings sollte auch unverblümt erwähnt werden, dass nicht alle Muslime sich mit diesen Erklärungsversuchen zufrieden geben. Denn für den Sufimeister Abd al-Qadir as Sufi besteht indes kein Zweifel, dass Ali ibn Abi Talib für das Amt des Kalifen am besten geeignet war: „Es besteht kein Zweifel, dass Sajjidina Ali (Ali ibn Abi Talib) für die Aufgabe des Kalifen am ehesten geeignet war, wenn es schon einmal so etwas geben sollte“ (Was ist Sufismus, S. 110). Auch würden diverse Überlieferungen und Hadithe den Autoritativen Führungsanspruch von Ali (r) belegen wollen, wie z. B. vom ältesten Sira Werk von Ibn Ishak (gest. 767) und des Hadit-Kompendium von Buhari (gest. 870) überliefert ist: „Der Prophet beauftragte Abu Bakr (r) und Omar ibn al-Khattab nacheinander zur Besetzung der feindlichen Burg von Haibar. Beide waren erfolglos zurückgekehrt. Daraufhin sagte der Prophet (s): „Morgen werde ich die Fahne einem Mann übergeben, dem Gott den Sieg über die Feinde verleihen wird. Dieser Mann liebt Gott und seinen Gesandten, und Gott und sein Gesandter lieben ihn!“ In der Nacht machten sich die Menschen fortgesetzt darüber Gedanken, wen der Prophet (s) wohl gemeint hatte. Alle hofften, selbst gemeint zu sein. Am nächsten Morgen fragte der Prophet (s): Wo ist Ali? Man antwortete ihm: Er hat ein Augenleiden! Der Prophet (s) befahl, Ali herbeizuholen. Er pustete ihm in die Augen und rief Gott für ihn an. Da waren Alis Augen wieder gesund- es war, als hätte ihnen nie etwas gefehlt! Anschließend übergab der Prophet (s) Ali die Fahne (Siret-i-ibn Hisam, Bd. 3, S. 461-462, Karaman Yayinlari. Sahih al-Buhari, Verlag Reclam, S. 315).

Die Anhänger Alis (r) waren in der Tat der Überzeugung, dass der Gesandte Gottes Ali nach der Pilgerfahrt in der Oase „Ghadir al-Humm“ (2oo Km nördlich von Mekka) als seinen Nachfolger öffentlich designiert habe. Dabei sagte der Prophet (s): „man kuntu mewlahu fa aliyyun mawlahu“ „Allen, denen ich gebiete, soll auch Ali gebieten“ oder „wessen Herr ich bin, dessen Herr ist Ali“ (al-Musnad Bd, S.347). Bemerkenswerterweise findet sich diese Überlieferung nur im Hadit-Kompendium „al-Musnad“ des sunnitischen Gelehrten Ahmad ibn Hanbal (gest. 855). Der Schriftsteller und Autor zahlreicher Aufsätze zum Thema „Islam“ Hikmet Zeyveli ist der Ansicht, dass wohlmöglich der Grund, weshalb außer Ibn Hanbal (gest. 855) niemand das Ereignis von Ghadir al-Humm in ihren Werken erwähnten, sein kann, dass die ältesten Werke der muslimischen Historiker in die Zeit der Abbasiden (749-1517) zurückreiche. Selbst der Überarbeiter und Herausgeber der ältesten „Biographie des Propheten“ ibn Hisam (gest. 834), gesteht die Schwierigkeit in seinem Vorwort ein, bestimmte Ereignisse wegen Verfolgung und Diffamierung bewusst ausgelassen zu haben: „Es gibt einige Berichte, die ich bewusst vermieden habe zu erwähnen. Denn die Mitteilung dieser Berichte, würde einigen Menschen erheblich schaden“ (siehe hierzu: Siret-i ibn Hisam, Bd. 1, S. 39, Karaman Yayinlari). Wie allgemein bekannt ist, nahm Ahmad ibn Hanbal nie ein Blatt vor dem Mund und verteidigte seine Sichtweise ohne Furcht vor jedwede Repressalien der Abbasiden, woraufhin dieser öfters auch wegen seiner gegensätzlichen Meinungen gefoltert wurde. (Die Geschichte des Islam, S.113-114, Fuat Sanac). Dies könnte auch der Grund nach Hikmet Zeyveli gewesen sein, weshalb niemand außer ibn Hanbal das Ereignis von Ghadir al-Humm schriftlich aufgezeichnet habe (siehe zum Thema: Kuran ve Sünnet, S. 203-207, Hikmet Zeyveli).

Der Gründer der hanafitischen Rechtsschule Abu Hanifa (gest. 767) bekannte sich öffentlich dazu, Ali (r) vor den anderen drei Kalifen (Abu Bakr, Omar und Uthman) als den rechtmäßigen Kalifen vorzuziehen. Der Sohn von Abu Hanifa überliefert von seinem Vater den folgenden Satz: „Ali ist uns (noch) lieber als Uthman“ (Makki, Manakibu Abi Hanifa, Bd. 2, S. 82).

Somit bedeutete die offizielle Rheinfolge der ersten drei Kalifen für Abu Hanifa (gest.767) auch nicht, dass sie würdiger für das Amt des Kalifats waren als Ali (r).

Was das Kriterium betrifft, wonach Abu Bakr (r) den Propheten (s) nach dessen Krankheit die Gemeinschaftsgebete vorab leitete und dies ein Hinweis auf die Nachfolge auf Abu Bakr zusichern sollte, wird von Prof. Mehmet Azimli in aller Deutlichkeit vehement zurückgewiesen. Wenn die Gebetsleitung als ein Zeichen zum Vorrecht eines Kalifen gedeutet wird, so müsste zu allererst nicht der Vorbeter, sondern der Kommandeur der Gemeinde ein Vorrecht zum Amt des Kalifen innegehabt haben. Zum Todeszeitpunkt des Propheten (s) war Usama ibn Zayd der Oberbefehlshaber der Umma (Gemeinschaft der Muslime). Selbst der Vorbeter Abu Bakr musste sich dem Oberbefehlshaber in Kriegen unterordnen. Prof. Mehmet Azimli schreibt aus diesem Anlass folgendes dazu: „Aus diesem Umstand her, ist nicht das Kriterium für die Wahl zum Kalifen die Leitung des Gemeinschaftsgebetes zu akzeptieren“ (Hz. Ebu Bekir, S. 68).

Das Verständnis, wonach Ali (r) kein Interesse an der Leitung der Gemeinde gehabt haben soll, wird von dem Historiker at-Tabari (gest. 923) unmissverständlich widerlegt. Interessanterweise schlug sogar selbst Abu Bakr (r), Ali (r) und Omar (r) als Kalifen mit der folgenden Begründung vor: „Die Imame (Führer) sollten von den Kuraisch sein“. Daraufhin sagten die Ansar (die Medinenser): „Lasst uns den Eid auf Ali beschwören. Er ist der Sohn von Muhammads Onkel und es gibt bei dem Kuraisch niemanden, der näher zum Propheten gestanden hat“ (Tarih-i Taberi, Bd. 3, S. 333).

Der Buchautor und Islamwissenschaftler Prof. Reza Aslan korrigiert ein bis heute angenommenes Geschichtsverständnis mit dem Satz: „Das sogenannte Goldene Zeitalter des Islams war in Wirklichkeit alles andere als eine Epoche der religiösen Eintracht und politischen Harmonie“ (Kein Gott außer Gott, S. 135). Auch ist er der Meinung, dass die offizielle sunnitische Sichtweise alles andere als überzeugend ist. So führt er weiter fort: „Ali war vielleicht jung (zum Zeitpunkt von Muhammads Tods war er immerhin dreißig Jahre alt) unerfahren war er ganz bestimmt nicht. Als erster männlicher Muslim und einer der größten Kämpfer des Islams war Ali wegen seiner spirituellen Reife und seiner militärischen Tapferkeit weithin anerkannt. In Medina fungierte er als Muhammads persönlicher Sekretär und war sein Fahnenträger bei vielen wichtigen Schlachten. Während Muhammads Abwesenheit leitete er regelmäßig die Umma und hatte, wie Moojan Momen bemerkt, als einziger ungehindert Zugang zum Haus des Propheten. Und gewiss hatte keiner in der Gemeinde vergessen, dass einzig und allein Ali dem Propheten bei der Säuberung der Ka´ba hatte helfen dürfen“ (Reza Aslan, Kein Gott außer Gott, S. 137).

Kein Wunder, dass viele Sahabis (Gefährten des Propheten) von der Qualifikaion Alis überzeugt waren, weshalb nicht nur die Banu Haschim ihn als Nachfolger des Propheten gesehen hatten, sondern auch die Mehrheit der „Ansar“ aus den Clans der „Aus“ und der „Chazradsch“ sowie den „Abd Schams“ und den „Abd Manaf“ (zwei mächtigen und einflussreichen quraischitischen Clans).

Wie Prof. Reza Aslan richtig festgestellt hat, gab es unmittelbar nach dem Ausscheiden des Propheten kein sogenanntes Goldenes Zeitalter. In Wirklichkeit war es nichts anderes als ein Machtkampf, um die wichtigsten Schlüsselpositionen zu besetzten. Dies erklärt auch die Situation, wonach Ali (r) erst nach dem Antritt von Abu Bakr (gest. 634) ca. sechs Monate später sein Kalifat akzeptierte (Ibn Kesir, El-Bidaye ve´n-Nihaye, Bd. 6, S. 427, Cagri Yayinlari).

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