Ist das rituelle Schlachten eine absolute Pflicht?

schaaf

Ein Thema, dass immer wieder zu Beginn des Opferfestes kontrovers diskutiert wird ist, ob das Schächten in diesem Zeitrahmen eine absolute Pflicht (farz) für die Muslime darstellt oder nicht. Diese rituelle Praxis wurde ungeachtet seit Jahrtausenden von den monotheistischen Religionen bemerkenswert praktiziert. Für die Mekkaner der vorislamischen Zeit (cahiliya) waren diese Rituale eines ihrer Haupt Gottesdienste, in dem sie Hauptsächlich Kamele opferten und das Blut an die Kaaba rieben um somit die Nähe Gottes unmittelbar erreichen zu wollen. Dies lässt sich aus dem folgenden Koranvers entnehmen, was die Muslime weiterhin fortsetzen wollten:

“Weder ihr Fleisch noch ihr Blut werden Gott erreichen, aber Ihn erreicht die Gottesfurcht von euch” Koran 22:37 (Muqatil bin Suleyman >gest. 765 n.Chr.< Tefsir-i Kebir 3/102; Isaret Yayinlari).

Wie positioniert sich jedoch der Koran zu dem Thema? Hierzu finden wir eine Reihe von Koranversen die diese weit verbreitete Praxis des Opferns ebenfalls bestätigen wollen. So heisst es dort:

“Vollzieht die Pilgerfahrt und die Besuchsfahrt für Gott. Wenn ihr jedoch (daran) gehindert werdet, dann (bringt) an Opfertieren (dar), was euch leichtfällt. Und schert euch nicht die Köpfe, bevor die Opfertiere ihren Schlachtort erreicht haben! Wer von euch krank ist oder ein Leiden an seinem Kopf hat, der soll Ersatz leisten mit Fasten, Almosen oder Opferung eines Schlachttieres. – Wenn ihr aber in Sicherheit seid, dann soll derjenige, der die Besuchsfahrt mit der Pilgerfahrt durchführen möchte, an Opfertieren (darbringen), was ihm leichtfällt…” Koran 2:196.

“Und rufe unter den Menschen die Pilgerfahrt aus, so werden sie zu dir kommen zu Fuß und auf vielen hageren (Reittieren), die aus jedem tiefen Paßweg da herkommen, damit sie (allerlei) Nutzen für sich erfahren und den Namen Allahs an wohl bekannten Tagen über den aussprechen, womit Er sie an den Vierfüßlern unter dem Vieh versorgt hat. – Eßt (selbst) davon und gebt dem Elenden, dem Armen zu essen. Hierauf sollen sie ihre Ungepflegtheit beenden, ihre Gelübde erfüllen und den Umlauf um das alte (ehrwürdige) Haus vollziehen” Koran 22: 27-29.

Besonders auffallend ist in diesem Kontext, dass es sich hierbei um jene handelt, die dabei sind die Pilgerfahrt zu vollziehen. In diesem Zusammenhang wonach das Opfern in die Zeit der Pilgerfahrt fällt, wird selbst von der Türkisch islamischen Union für Religion (diyanet) ebenfalls bestätigt (Kur’an Yolu Bd. 1/ 303-309).

Wie ist es jedoch mit jenen, die keine Pilgerfahrt vollziehen? Was sagen die Überlieferungen hierzu? Existiert dieser Angelegenheit betreffend ein Konsens der Rechtsgelehrten? Kann es für Muslime, die nicht an der Pilgerfahrt teilnehmen die gleiche Pflicht gelten? Was sagen die Überlieferungen hierzu?
Laut Abu Hurayra (gest. 687 n.Chr.) soll der Prophet folgendes berichtet haben: “Jene, die die Möglichkeit dazu besitzen und nicht das Rituelle Schlachten vollziehen, soll sich nicht zu unserem Versammlungsort (Masjid) nähern” (Ibn Madja, Adaahi; 2).

Für den ehemaligen Religionsminister der Türkei Prof. Dr. Süleyman Ates ist diese Überlieferung nicht auf den Propheten zurück zu führen, sondern diese stellen Abu Hurayra’s eigene Worte dar. Dieses begründet Ates, in dem er andere Überlieferungen für tatkräftiger deklariert, die solche Rituale als Sunna (freiwillig) bezeichnen: “Das Rituelle Schlachten ist eine Freiwillige Angelegenheit” (Tirmidhi, Adaahi: 11). Der Gründer der Süleymaniye Stiftung mit dem Sitz in Istanbul Prof. Abdulaziz Bayindir geht sogar soweit, dass das rituelle Schlachten an sich als unersetzbaren Gottesdienst zu definieren sei, was jedoch vehement zu kritisieren ist. Seine Begründung liegt darin, dass kein Gottesdienst die andere ersetzen könne (http://www.fetva.net/yazili-fetvalar/kurban-kesmesek-de-yerine-sadaka-versek-olur-mu.html).

Die Kürzeste Sure im Koran ist die Sure 108 (Kauthar) mit nur drei Versen. Diese Sure wird häufig in solch einem Diskurs versucht zu unterstreichen, dass es für die Gesamte muslimische Gemeinschaft eine unhinterfragte Pflicht sei, nach dem Gebet zu opfern. Ob diese Sure früh mekkanisch oder in Medina offenbart wurde ist jedoch unklar. So heisst es darin: “So bete (die 5 Pflichtgebete) zu deinem Herrn und opfere (zum Opferfest)” > übersetzt von Muqatil bin Süleyman <. In der vorislamischen Zeit wurden bei den Ritualen wie diese, Namen mehrerer Götter erwähnt. Der Vers trägt laut den klassischen Exegesen die Botschaft, bei dieser Tradition nur den einen Gott zu erwähnen, was die Intention des Verses implizieren soll (Ibnu’l Arabi >Qurtubi; el-Camiu li-Ahkami’l Kur’an 19/ 405 & Mefatihu’l Gayb 23/ 117-118).
Ein zentraler Streitpunkt unter den Koranexegeten stellt ohne Zweifel der Begriff “inhar” was meistens als “opfern” übersetzt wurde, was jedoch von “Nahr” (Brust) abgeleitet worden ist. Eine starke Gegenposition wird von Ali ibn Abu Talib (gest. 661 n.Chr) überliefert. In dieser Überlieferung bezieht sich der Vers auf die einzelnen Körperhaltungen zum Gebet und nicht wie angenommen auf das Opfern: “So lege im Gebet deine Rechte Hand auf die Linke und hebe sie beim Takbir in höhe der Brust” (Darakutni 1/ 285-286 & Qurtubi: el-Camiu li-Ahkami’l Kur’an 19/ 404-406 & Cami’u'l- bayan: 30/ 326 & Ferra; Meânı’l-Kur’an 3/ 296). Auch in der zeitgenössischen Kommentierung spiegelt sich diese Auslegung an den folgenden Koranübersetzungen wieder wie z.B. bei Ihsan Eliacik; Yasayan Kur’an S. 77 & Mustafa Islamoglu; Hayat Kitabi Kur’an S. 1312 Fussnote 2 & Mustafa Öztürk Meal S. 610.

Der Begriff “fe salli” was als “Gebet” übersetzt wurde, kann ebenfalls verschiedene Bedeutungen annehmen. Der Begriff “salat” wird nämlich auch als “Unterstützung/segnen” interpretiert wie z.B. In Sure 33:56: “Gewiß, Gott und Seine Engel segnen (yusalluna) den Propheten” (Prof. Dr. Hakki Yilmaz; Kur‘an Dini‘nin Temel Direkleri S. 64).

Diese Herangehensweise der dargestellten Quellen können ein völlig anderes Verständnis der Sure 108 (Kauthar) bekräftigen, die dann wie folgt lauten könnte: “Darum lass dich von Gott unterstützen und breite deine Brust gegen die Leugner der Wahrheit” Koran 108:2 (Mustafa Islamoglu; Hayat Kitabi Kur’an S. 1312 Fussnote 2).

Anhand der Primärquellen ist es nicht zu übersehen, wie unterschiedliche Interpretationen und Überlieferungen für die Erläuterung einer kleinen Sure wie die al Kauthar gegensätzlich in einer Diskussion kommentiert wird, wobei diese Art der Auslegung sowohl ihre Grundlage bei den klassischen als auch bei den zeitgenössischen Koranexegeten zu finden ist. Weder aus dem Koran, noch aus den Überlieferungen kann in aller Deutlichkeit von einer Pflicht zum rituellen Schlachten die Rede sein. Denn die Verse, von denen die Pilgerfahrt in Zusammenhang mit der Opferung gebracht wird, lässt sich im historischen Kontext verstehen und gehört somit der Tradition an, und nicht zum einen verpflichtenden Gebot (siehe Fethu’l- Bârî 10/3-4 & Prof. Süleyman Ates; Koranenzyklopädie 12/337). Die Essenz darin liegt nicht beim Schlachten (Koran 22:37), sondern beim gerechten Verteilen des Opferfleisch. Dies lässt sich in aller Deutlichkeit zeigen, wenn man den inneren Zusammenhang der Koranverse betrachtet, worin aufgefordert wird, das Gebet zu verrichten UND gleichzeitig die Abgabe zu entrichten:

“Und verrichtet das Gebet und entrichtet die (Almosen) Steuer“ 2:43 (vgl. auch 2:110; 8:3; 9:11; 19:55; 22:35, 41; 24:56; 27:3; 31:4.

“Weder ihr Fleisch noch ihr Blut werden Gott erreichen, aber Ihn erreicht die Gottesfurcht von euch”.

“Die erwähnten Koranverse tragen unzweideutig die Botschaft, dass der Gottesdienst nicht beim Blut fließen existieren kann, sondern die Versorgung der hilfsbedürftigen. Man kann daher getrost davon ausgehen und die These vertreten, einem kranken Menschen, was auf medizinische Versorgung angewiesen ist und aus finanziellen Gründen nicht in der Lage dazu ist zu unterstützen. Dies würde dem Geist und der Intention des Korans eher entsprechen, statt die Versorgung auf das rituelle Schlachten zu reduzieren” (Yasar Nuri Öztürk – Islam Nasil Yozlastirildi S. 273).

 

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One Response to Ist das rituelle Schlachten eine absolute Pflicht?

  1. Lieber Bruder, sehr genau und super recherchiert, ich habe selber darüber gelesen und bin zu dem gleichen Schluß gekommen. Aber ich bin nicht in der Lage, das so detailiert zu beschreiben.
    Ein sehr guter Aufsatz und sehr lehrreich. Vielen lieben Dank.

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