Sozialistisch, und doch gläubig?

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Ein Interview mit Baycan Yanar

Antikezukunft: Herr Yanar, was war das ausschlaggebende für Sie gewesen Mitglied in einer politischen Partei zu werden?

Yanar: Besonders als Bürger mit Migrationshintergrund sah ich eine aktive Beteiligung in der Politik, die für die Mitgestaltung in der Gesellschaft beiträgt, für äußerst wichtig. Angesichts des zunehmenden Rassismus besonders durch die aktuelle Lage der Flüchtlingspolitik so wie auch die inzwischen stark etablierte Pegida Bewegung stärkten meinen Entschluss, gegen den Faschismus nicht mehr passiv, sondern aktiv in der Politik mitzuwirken.

Antikezukunft: Sie haben sich als Gläubiger Muslim für die Linke Partei entschlossen. Was schätzen Sie besonders an der Linken Partei?

Yanar: Der sozialistischen Weltanschauung entsprechend, kennt der Islam keine kirchenähnliche hierarchische Struktur wie die eines klerikalen Herrschaftssystem. Aus dem Koran leite ich die unmissverständliche Essenz heraus, nicht über seine Verhältnisse zu leben und den Überschuss an die Bedürftigen abzugeben (Sure 9:34-35), was dem Konzept das von Dogmatismus unbefleckten Sozialismus (bspl. Stalins Instrumentalisierung des Kommunismus) und deren Hauptimpulse wie Antikapitalismus und Soziale Gerechtigkeit besonders unterstreicht. Der Moderne Kapitalismus wurde in “Globalisierung und Marktwirtschaft” umgenannt. Seit der unsichtbaren Hand durch Adam Smith (der Gründervater des Kapitalismus) geht es um nichts anderes als Ausbeutung, Profit und Sklaverei durch unsichtbare Ketten. 80% der Weltressourcen teilen sich 20% der Industrieländer. Bill Clinton hatte 1993 gestanden, dass 1% der Amerikanischen Bürger 70% des nationalen Reichtums nutzen. Der (vom Dogmatismus distanzierende) Sozialismus bietet die einzige Möglichkeit, sich vom Glied einer Kette von Ursachen und Wirkungen der Banken, Konzerne, Finanzmärkte und co. durch eine andere Wirtschaftsordnung zu befreien.

Antikezukunft: Für viele Ihrer Landsleute ist der Sozialismus ein erheblicher Widerspruch zum Islam. Wie sehen Sie das?

Yanar: Ich muss zugeben, dass dieses Thema gerade unter den konservativen Richtungen für Hitzigkeiten sorgt, wenn man auch nur annähernd den Sozialismus positiv bewertet. Jedoch sollte hier die Frage nicht außer Acht gelassen werden, welches Islam Verständnis sich von welchem Sozialismus distanziert? Es gab durchaus in der Vergangenheit viele islamische Gelehrte, die sich mit dem Sozialismus identifizierten wie z. B. Prof. Roger Garaudy, Prof. Hasan Hanafi, Prof. Mustafa Sibai, Prof. Hayri Kirbasoglu und Ihsan Eliacik möchte ich nur am Rande erwähnen.

Antikezukunft: Kann der Koran Ihrer Meinung nach auch ein moralischer Kompass für die Sozialpolitik der Linken sein? Wenn ja, welche könnte das sein?

Yanar: Ja, durchaus. Die Grundwerte die der Sozialismus und der Koran vertreten, weichen m. E. nicht voneinander ab. Die Linke in Deutschland kämpft für eine andere demokratische Wirtschaftsordnung, in der sie die Reichen nicht noch reicher werden lässt, so wie für ihren Eintritt für die kulturelle Vielfalt, für die Überwindung jeglicher Form der Diskriminierung und für eine Welt ohne Massenvernichtungswaffen. Sie sind unzertrennbar mit Frieden, mit der Bewahrung der Natur und Emanzipation verbunden. Es kann deshalb kein Zufall sein, dass die größten Widerstreiter des Propheten Mohamed die Reichen Aristokraten der arabischen Halbinsel von Mekka waren. Deshalb ermahnt der Koran ausdrücklich in der Sure 59 Vers 7, dass das Reichtum sozialgerecht mit den Worten “Dies, damit es nicht nur im Kreis der Reichen von euch bleibt” verteilt werden soll.

Antikezukunft: Man hat jedoch immer noch den Eindruck, dass das Linkssein und der Sozialismus mit dem Atheismus gleichbedeutend ist. Woher resultiert diese Wahrnehmung?

Yanar: Es ist ein Missverständnis zu glauben, den Sozialismus mit der Weltanschauung des Atheismus gleichzusetzen. Unbestreitbar ist jedenfalls, dass Marx Religionskritik ausübte. Um diese Kritik richtig zu verstehen, ist es unerlässlich, den historischen Kontext richtig zu verorten. Denn Marx’s Tadel bezog sich nicht auf die Religion als solche, sondern auf die Bevormundung durch die institutionelle Kirche. Sein Zitat “die Religion ist ein Opium für das Volk” bezog sich nicht auf die emanzipierten Gläubigen. Außerdem ermutigten zur damaligen Zeit die kirchlichen Funktionäre die Menschen nicht dazu an, sich für ihre sozialen Belangen einzusetzen, im Gegenteil: Sie vertrat die fatalistische Doktrin, indem die Armut gottgegeben wäre.

Antikezukunft: Wie hat bislang ihre muslimische Umgebung für ihr Engagement für die Linken reagiert?

Yanar: Ehrlicherweise hat meine Umgebung sehr unterschiedlich darauf reagiert. Die alevitisch kurdischstämmigen Freunde haben es durchaus positiv bewertet, doch die AKP Sympatisanten haben dies sehr kritisch aufgenommen. Das ist jedoch in diesem Zusammenhang nicht verwunderlich, da die Linke von Anfang an die undemokratisch, Menschenrechtsverletztende Politik der türkischen Regierung vehement kritisiert hat.

Antikezukunft: Sehr geehrter Herr Baycan Yanar, ich danke Ihnen für das Interview

Yanar: Ich habe zu danken

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