Die Grundzüge der modernen Koranhermeneutik

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„Kann aus den Schriften, Doktrinen und Traditionen des Islams, ein wahrlich fortschrittliches und modernistisches Weltbild erwachsen? Natürlich! Alle Zutaten sind vorhanden“ hieß es in der Wochenzeitung DIE ZEIT Nr. 50 vom 10.12.2015 im Kapitel „Wem gehört Mohammed?“

Der mit 14 Bänden verfasstes Werk (Tafsiru’l Manar) von Sheikh Muhammad Abduh aus Ägypten (gest. 1905), ein rationalorienterter Exeget sah eine Notwendigkeit den Koran für den 20. Jahrhundert neu auszulegen. Da die sozialen, ökonomischen und politischen Faktoren, mit der die Klassischen Koranexegeten aus dem früheren Jahrhundert konfrontiert waren und dadurch den Ausdruck ihrer Interpretationen maßgeblich beeinflusste. Im Zuge dessen profitierten einige Gelehrte wie z. B. der österreicher Muhammad Asad (gest. 1992) wie auch den Theologen und ehemaligen Dekan Yasar Nuri Öztürk (der verfälschte Islam). Muhammad Asads Korankommentar (Die Botschaft des Koran) hatte Anfangs in Saudi Arabien aufgrund seiner traditionskritischen Methode große Empörung hervorgerufen und wurde verbrannt, da sich die Gegenposition einer buchstabentreuen Auslegung und an die Sakralität der alten klassischen Quellen fokussierten. In diesem Zusammenhang vertritt die Theologin Saskia Wendel in einem Interview in der Ausgabe ,DIE ZEIT‘ dahingehend die Ansicht, dass „Wo Kritik nicht stattfinden darf, entstehen fundamentalistische Attitüde“ (DIE ZEIT 10.12.2015).

Der Koranwissenschaftler Nasr Hamid Abu Zaid (gest. 2010) wurde wegen dieser Angelegenheit betreffend aus Ägypten/Kairo vertrieben, zwangsgeschieden und lebte bis zu seinem Tod in den Niederländen im Exil. Seine historisch kritische Lesart, die Textualisierung bzw. die Kontextualisierung wie z. B. bei den Instruktionen der heiligen Schrift, waren Auslöser dieser außerislamischen Rechtssprechung (fatwa): “Der Koran hat sich diese Strafen nicht ausgedacht, sondern es waren die Strafen, die die Gesellschaften damals angewendet haben. Hier zählt nicht der Buchstabe der gesetzlichen Regulierungen, sondern es kommt auf die tiefere Bedeutungsebene an, darin liegt die ethische Botschaft” (Abu Zaid – Mohamed und die Zeichen Gottes)

Die 4 Rechtsschulen im sunnitischen Islam, interpretierten den Koran in ihrem Kontext und dementsprechend nach den Bedürfnissen und Erfordernissen der damaligen Zeit. Sie erneuerten viele Dinge im Verständnis des Korans besonders in ihrem Kontext. Diese Herangehensweise war für die Rechtsgelehrten ein unantastbares Bedürfnis, den Koran durch Ictihad (Selbstständiges Urteil & Forschung) zu interpretieren. Die Dekadenz der muslimischen Gemeinschaft resultierte durch das vernachlässigen des selbstständigen Urteil & Forschung, was sich Anfang des 12. Jahrhunderts durchsetzte. Es entstanden Sekten wie die Salafisten, deren Wurzel im 18. Jahrhundert liegt, gegründet von Muhammad Ibn Abdel Wahab (gest. 1792), die eine Art Reform etablierte, in die Zeit des Propheten und somit ins 7. Jahrhundert zurück zu gelangen.  Muhammd Abduhs Kritik des autoritativen Verhalten der Muslime ist in seinem Korankommentar nicht zu übersehen: “Man muss zu den Hauptquellen zurückkehren, um die Muslime von den Fesseln des taqlids (blinde Nachahmung) zu befreien” (Tafsiru’l Menar 7/ 315-321).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Muhammad Abduh mit seinem Korankommentar den Hauptimpuls dafür gegeben hat, den Koran neu zu verstehen und zu interpretieren.
Als eloquenter Intellektueller und iranischer Philosoph tendiert Abdulkarīm Sorousch zu einer Differenzierung zwischen Religion und Religionsausübung wie folgt: „Der Gedanke ist, dass es nicht der religiöse Text ist, der verändert werden kann, sondern dass sich vielmehr die Auslegung mit der Zeit verändern“ und stellt ausschlagebend die Frage, mit den Worten: „Soll es das Ziel sein, die Religion zu ändern, oder sollte man das Verständnis ändern, dass man von der Religion hat?“ (Islam und Moderne – Die Neuen Denker, S. 65-69)

Ähnlich verhält es sich mit dem Gelehrten und damaligen Präsidenten für religiöse Angelegenheiten der Türkei (Diyanet) Prof. Dr. Süleyman Ates (geb. 1933).
Sein wichtigster und bekanntes Werk ist die zeitgenössische Interpretation des Korans (Yüce Kur’an’in Cagdas Tefsiri) in 12 Bänden, welches in zwanzig Jahren vollendet wurde. Sein jüngstes Werk trägt den Titel Enzyklopädie des Korans und umfasst 30 Bände. Der Gelehrte Ates wird zwar von vielen Muslimen verehrt, die ein rationales Gedankengut vertreten, jedoch gibt es auch zahlreiche Muslime vor allem aus der Türkei und Deutschland, die ihn ablehnen und eine traditionelle Sichtweise bevorzugen. Ates , der sich zu seinem Vorhaben an verschiedenen Stellen seiner Zeitschrift äußert, sagte in einem Gespräch:
“Ab einem bestimmten Zeitpunkt habe ich festgestellt, dass der Koran nicht ganz verstanden worden ist. Der Koran ist noch heute unerforscht. Es gibt zwar eine gelebte Religion, aber im Grunde genommen ist diese gelebte Religion keine Religion des Korans. Was man unter Religion versteht, ist nicht das, was im Koran als Glaube abgehandelt wird. Ich arbeite, um den Glauben des Korans dem Aberglauben überlegen zu machen” >Selcuk (was ist Selcuk?): Prof. Dr. Süleyman Ates (1997), S. 68< Siehe auch Prof. Dr. Abdullah Takim – Koranexegese 20.Jahrhundert S. 367

Es lässt sich ohne Zweifel feststellen, dass die Islamfunktionäre in der Vergangenheit wie auch in der Gegenward  de facto sich nicht auf die zeitgenössische Rechtsproblematik geäußert haben. Dr. Murad W. Hofmann nennt die Einzelheiten wie folgt mit den Worten: „Weder Koran noch Sunna noch das mittelalterliche Fiqh äußerten sich unmittelbar zur Ressourcennutzung im Weltraum, zur Urheberecht im Internet, zu Verkehrsregeln auf der Skipiste, zu Leihmutterschaft, zu Gentechnologie, zu In-vitro-Befruchtung und ähnlichem“ (Islam im 3. Jahrtausend, s. 217)
Die Geschichte Mu’adh ibn Dschabals, der vom Propheten Muhammad als Richter in den Jemen entsandt wurde, beinhaltet viele Lehren und legt das Grundgerüst für eine zeitgenössische Interpretation fest. Als Mu’adh kurz davor war, zu seiner Mission aufzubrechen, fragte der Prophet ihn: >>Worauf wird dein Urteil gründen?<< Er antwortete: >>Es wird auf dem Buche Gottes gründen.<< >>Und wenn du darin nichts Entsprechendes findest?<< >>Dann wird es auf der Tradition [Sunna] des Gesandten Gottes gründen.<< >>Und wenn du dort nichts findest?<< >>Dann werde ich mich mit aller Kraft bemühen [adschtahidu] (Das Verb stammt von derselben Wurzel wie >>idschtihad<<), mir ein eigenes Urteil zu bilden<<, antwortete Mu’adh (Hadith von Abu Dawud, Ahmad, at-Tirmidhi Nr. 1327 und ad-Darami überliefert).

Spannend wird es in Sure 24, Vers 58: “O ihr Gläubigen, eure Leibeigenen und eure Kinder, die in der Pubertät sind, sollen, wenn sie zu euch eintreten wollen, euch zu drei Zeitpunkten um Erlaubnis bitten: vor dem Frühmorgengebet, um die Mittagszeit, wenn ihr eure Kleider ablegt, und nach dem Abendgebet. Das sind drei Zeitpunkte, zu denen eure Blöße sichtbar werden könnte (…)”. Diesem Vers betreffend kamen laut einer Überlieferung zufolge eine Gruppe irakischer Muslime zu Ibn Abbas, dem Cousin des Propheten (s). Da niemand mehr nach diesen Anweisungen handelte, waren sie verunsichert gewesen und wollten Rat von ihm, wie sie sich dieser Angelegenheit verhalten sollten. Ibn Abbas antwortete wie folgt: “Damals gab es in den Häusern der Menschen keine Tür oder Abtrennung, die die Menschen beim Eintreten hätte hindern können” (siehe hierzu Ibn el-Arabi, Ahkam al-Kur’an, Bd. 3, 414; Al-Qurtubi al-Gami Bd. 12, 199).

Dass sich der Koran an die strukturellen Gegebenheiten der Gesellschaft im 7. Jahrhundert bedient, um erzieherische Maßnahmen zu erfreifen, wird prägnant im Vers 34 der Sure 4 deutlich, die eine stark gefährdete Ehe behandelt:

“…,Die Frauen, bei denen ihr fürchtet, sie könnten im Umgang unerträglich werden, müßt ihr beraten. Wenn das nichts nützt, dürft ihr euch von ihren Schlafstätten fernhalten…”

Besonders auffallend ist hierbei die Methode, sich für eine Weile “vom Ehebett zu trennen”. Eine Gesellschaftsordnung nach heutigen Maßstäben, die die Monogamie als einzige Ehefunktion legitimiert, würde der Mann sich nach dieser Methode ebenfalls bestrafen. Anders jedoch sieht es in einer polygamen Ehe aus, wobei die Betroffene nach diesem Prinzip als einzige Person die Konsequenz ertragen muss (Prof. Hayrı Kırbaşoğlu – Üçüncü Yol Mukaddimesi, S. 146-147, Otto Yayınları).

Diese Beispiele konzipieren die Grundzüge einer modernen, zeitgerechten Hermeneutik, mit den Worten des Islamwissenschaftlers Tariq Ramadan: „Der Koran besitzt solch eine wunderbare Elastizität, dass er dem Menschen stets ermöglicht, seine Zeitlosen Religionsprinzipien derart zu bewerten, dass er die Bedürfnisse der Religionsausübung verschiedener Epochen und Gesellschaften befriedigt. Unsere Interpretation und unser Verständnis der Texte werden Mithilfe dieser Gelehrten und Denker erneuert. Sie werden neue Perspektiven eröffnen um uns in die Lage zu versetzen, uns den Herausforderungen der jeweiligen Zeit zu stellen”(Radikale Reform S. 34-39).

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