“Der Islam hat kein Problem mit der Kritik“

 

imageEin Interview der Islamischen Zeitung mit Professor Ecevit Polat über aktuelle gesellschaftskritische Themen

Hr. Polat, wie beurteilen Sie die jüngsten Wahlerfolge der Afd in Deutschland?

Meines Erachtens war das nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sich die Rechtspopulisten wie die Afd nach dem Vorbild der Parteien in den Niederlanden und Frankreich, ihren Wahlerfolg verbuchen konnte. Allerdings ist die Zunahme der antimuslimischen Ressentiment und der gegenwärtige Wahlerfolg der rechten Parteien in Europa, keineswegs nur dem Zustrom der sogenannten Flüchtlingskrise anzulasten.

Können Sie das bitte etwas konkreter beschreiben?

Der antimuslimische Rassismus ist kein Phänomen der letzten 2 Jahre, sie ist in gewissen Kreisen der Gesellschaft, unverkennbar tief gehender im Unterbewusstsein verwurzelt. Das liegt nicht weniger darin, dass Muslime mit ihren religiösen Symbolen wie z.B. die Repräsentanten Moscheen, nach außen hin sichtbarer in der Landschaft geworden sind. Zudem kommt hinzu, dass Muslime mittlerweile selbstbewusster in der 3. und 4. Generation auftreten als die ersten Gastarbeiter in den 60er und 70er Jahren. Heute trifft man Muslime in fast allen beruflichen Zweigen des Landes. Bei manch einem Alteingesessenen, kann das Neidsyndrom eben auf der Wahlurne zu Gunsten der rechtsgerichteten Parteien beeinflusst werden.

Lassen sich die errichteten Lehrstühle für die islamische Religionspädagogik an deutschen Universitäten, auch eine positive Kehrtwende zur Normalisierung des Islam in Deutschland deuten?

Sicherlich war die Etablierung und die Einrichtung schon längst überfällig gewesen, wenn man bedenkt, dass Deutschland inzwischen Lebensmittelpunkt für Millionen von Muslimen geworden ist. Darüber hinaus gesteht auch für die hundertausende der Schülerinnnen und Schüler in diesem Land das Recht zu, ihre Religion an deutschen Schulen – wie sie bereits von katholischen und evangelischen Schüler in Anspruch genommen wird – als Wahlfach zu erlernen. Dabei tragen die Lehrstuhlinhaber in diesen Fachberreichen eine nicht zu unterschätzende Verantwortung. Zugegeben läuft auch hier nicht alles im reibungslosem Ablauf zu, wie der Streit etwa zwischen dem münsteraner Leiter des Zentrums für Islamische Theologie und den Verbänden bekanntermaßen öffentlich ausgetragen wurde. Hingegen dazu, gibt es auch geglücktere Beispiele, die nicht im medialen Clinch mit den Verbänden stehen. Ganz besonders sei hier die Leistung und das Engagement der beiden osnabrücker religionspädagogen Prof. Bülent Ucar und Prof. Rauf Ceylan hervorzuheben, wonach die strukturelle Institutionalisierung erfolgreich vorangeschritten wird.

Erst jüngst wurde in einem katholischen Verlag ein Buch mit der folgenden Überschrift „Zur Freiheit gehört, den Koran zu kritisieren“ publiziert. Finden Sie, dass der Islam zu spärlich hierzulande kritisiert wird?

Nein, ganz und gar nicht. Es gibt derzeit keine andere Weltreligion, die dermaßen und derart wie der Islam erbarmungslos kritisiert wird. Dabei werden extreme Erscheinungsformen wie der IS und co. pauschal mit einer Weltreligion zu unrecht impliziert. Beim näherem Hinsehen fällt allerdings auf, dass keine andere Religion selbst in ihrem Gründungsdokument die Kritik an ihm konsterniert zu Wort kommen lässt. Danach gewährt der Koran eine Plattform für die Gegner des Propheten , in dem sämtliche Vorwürfe und Anschuldigungen wie die eines „Wahrsagers“ und „Dichters“ zu Wort kommen lässt. Selbst der anti-islamische Theologe und Christ Johannes von Damaskus, genoss im Hofe der Ummayaden die uneingeschränkte Freiheit, Muhammad als den Vorläufer des Antichristen zu denunzieren. Diese und weitere Nachweise geben zu verstehen, dass der Islam bereits seit seinem ersten Auftritt auf der Weltbühne, offensichtlich mehr als eine andere Weltreligion, Raum für grundsätzliche Kritik gestattet hat. Insofern hat der Islam kein Problem mit der Kritik.

Der baden-würrtembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann von den Grünen ist der Meinung, dem Islam fehle die Aufklärung adäquat zu den chritslichen Religionen. Sind Sie auch der Ansicht, den Islam deshalb reformieren zu müssen?

Ich kann das zu einem gewissen Grad nachvollziehen, wenn derzeit mehr Politiker aus den unkonventionellen Parteien durch den Druck der neuen rechten Bewegungen und insbesondere durch die Verunsicherung in der Bevölkerung, dieses Statement von sich geben. Allerdings verkennen sie unbedacht, dass die Religion des Islam keine kirchenähnliche Struktur kennt, und schon allein deshalb jeder Vergleich adäquat zum Christentum von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist. Priester und Sakramententum sucht man vergeblich im Islam, geschweige denn, einen muslimischen Papst. Es gab jedenfalls keinen elementaren Grund in den islamischen Ländern, inbrünstig den Slogan „Sapere aude“ a´la Kant auszurufen, da Muslime von keiner Kirche bevormundet wurden. Für die Mehrheit der gläubigen Muslime stellt der Koran und die Lebensweise des Propheten einen autoritativen Charakter dar. Innerhalb des Islam bildeteten sich deshalb schon frühzeitig diverse Rechtsschulen, die die Religion auf der Grundlage der autoritativen Schriften interpretierten. Richtiger wäre wenn überhaupt, von einem „Idschtihat“ zu sprechen, was wörtlich Anstrengung bedeutet und auf die Bemühung um ein eigenes Urteil zu fällen, hindeutet. Der große pakistanische Dichter und Philosoph Muhammed Iqbal, hat in seinem Buch „ Die Wiederbelebung des religiösen Denkens im Islam“ sich sehr intensiv wie kein anderer mit der Frage beschäftigt, weshalb und vor allem wie ein zeitgenössischer Idschtihat auszusehen habe. Dabei konnte er ganz und gar die Prinzipien und den Mechanismus des Idschtihat, aus den konstitutiven Schriften eindrucksvoll nachweisen. Insofern begreifen Muslime ihre Religion und damit ihre heilige Schrift schlechthin als ihre Aufklärung mit den Worten des Koran „als eine Erkärung aller Dinge“.

Den meisten Meinungsumfragen zufolge, werden Muslime eher als eine soziale Last in den nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaften wahrgenommen. Können Muslime überhaupt etwas Positives zum gesellschaftlichen Leben beitragen?

Sebstverständlich können Muslime dank ihrer religiösen Wertvorstellungen lebensnotwendige Werte für die hiesige Gesellschaft bieten, was ihr schließlich auch bitter Not tut. Nicht nur die Wertschätzung der gelebten Familienwerte innerhalb der eigenen Familie, sondern insbesondere die immateriellen Werte wie Gastfreundschaft, Fleiß, Disziplin, Ehrlichkeit und nachdrücklich die Solidarität zwischenmenschlicher Beziehungen, die im Zeitalter des Kapitalismus sowie dem wissenschaftlichen Fortschrittswahn notwendig geworden ist. Praktizierende Muslime begreifen ihre Religion primär als eine alternative Lebensweise zum „American Way of Life“, die im Zeitalter der Globalisierung als dominierendes Wertesystem, ihren augenscheinlichen Höhepunkt erreicht zu haben scheint. Man denke hierbei besonders an den krassen Individualismus. In diesem Zusammenhang sind die Ratschläge über prinzipielle ethische Werte von Luqman an seinem Sohn wie dies im Koran ausführlich in 31: 12-19 beschrieben wird, mehr denn je im Angesicht der Postmoderne von unabdingbarer Relevanz geworden.

Warum assoziiert man mit Muslimen Negatives?

Das liegt wohl möglich daran, dass Muslime vornehmlich eine apologetische Grundhaltung in gesellschaftspolitischen Diskussionen einnehmen und sich dabei immer in der Position des Reagierens befinden. Obgleich der Islam eine grundlegende Wirtschaftsordung zum kapitalistischen Wirtschaftsmodell entwirft, wird dieser doch kaum von Muslimen hinsichtlich als Wahlmöglichkeit in der globalen Ökonomie unzureichend nach außen hin artikuliert. Der Akzent auf die Fragen des Ökonomischen Gleichgewichts wird, bis auf wenige Ausnahmen wie in der Islamische Zeitung, durch diverse Beiträge thematisiert. Der Koran behandelt diese Frage erstaunlicherweise sehr detailliert. Dabei werden die einzelnen Reglementierungen nicht etwa als empfohlene Prinzipien rezipiert, sondern haben durchaus einen normativen Charakter, um eine ausgewogene gerechte Gesellschaftsordnung zu konzipieren. Deshalb denke ich, dass Muslime im wahrsten Sinne des Wortes, noch vieles zu bieten hat.

Ecevit Polat ist gebürtiger Wuppertaler. Er hat eine alevitisch-kurdische Herkunft. Die Eltern sind aus Dersim (Tunceli, Osttürkei). Er wuchs „alevitisch“ auf und war auf lokaler Ebene links-politisch engagiert gewesen. Mit 18 Jahren konvertierte er zum Islam. Seine Ausbildung machte er zum Groß- und Außenhandelskaufmann und arbeitete im Außendienst. Seit 2010 veröffentlicht er auf seinem Blog “antikezukunft.de” seine Artikeln über religiöse Themen. 2016 erhielt er seine Promotion in Islamischer Theologie der University of Islamic Life in USA und ist der Dekan der Theologischen Fakultät.

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