Ist es geboten, einem Dieb die Hand abzuschneiden?

Zum Händeabhacken heißt es in Vers 38 der Sure 5:
Dem Dieb und der Diebin schneidet ihr die Hände ab, als
Vergeltung für das,was sie begangen haben, und als abschreckende
Strafe von Allah
“.

Das klingt so eindeutig, daß in die arabische Welt reisende darüber erstaunt sein müssten, aber auch keinen einzigen Sünder zu finden,  der seine rechte Hand auf diese Weise eingebüßt hat. Vor dem Hintergrund der islamischen  Auslegung dieses Straftatbestandes ist dies indessen gar nicht verwunderlich,obwohl es überall Diebe gibt; denn auch in dieser Beziehung klaffen Rechts-ordung und Lebenswirklichkeit auseinander. Zunächst gilt als Diebstahl im sinne des Koran nur die Wegnahme einer gut  verwahrten Sache von nicht nur Bagatellwert. Wenn also die Gelegenheit den Dieb zum Dieb gemacht hat, ist er kein Dieb. Im übrigen hat schon der Kalif `Umar Anklagen wegen Diebstahls in Zeiten der Not generell aussetzen  lassen. Daraus entwickelte sich die herrschende Lehre, wonach Diebstahl grundsätzlich zu verneinen ist, solange Anlaß besteht, einem Staat wegen schlechter wirtschaftlicher und sozialer Grundbedingungen den Vorwurf mangelnder Vorsorge zu machen.

Muhammad Asad widmet dieser Problematik in seiner Fußnote 48 zu 5:38 eine ganze Seite, die mit der kategorischen Feststellung endet: “(Die Strafe) ist nur anwendbar im Rahmen eines voll funktionierenden sozialen Systems, und unter keinen anderen Umständen”. Zum Verständniss der koranischen Strafdrohung ist allerdings wichtig zu wissen, daß sie zum islamischen Familien-und Erbrecht komplementär ist. Diesem zufolge bewahren muslimische Frauen ihr Vermögen, darunter Edelmetallschmuck bei sich auf, zumal das islamische Recht bei Scheidung keine Unterhaltverpflichtung des Mannes kennt. Diebstahl gefährdet daher das islamische System der Altersversorgung, besonders im bäuerlichen und nomadischen Milieu.

Diebstahl ist darüber hinaus ein Anschlag auf einen der wichtigsten Pfeiler des islamischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem – das koranischen genießende Privateigentum.

Warum führt der Koran solch drastische Strafen auf? Nun, weil es die üblichen, die verfügbaren Strafen waren! Der Koran hat sich diese Strafen nicht ausgedacht, sondern es waren die Strafen, die die Gesellschaften damals angewendet haben. Wenn der Koran sie also nicht ins Leben gerufen hat, sondern sich ihrer nur bedient, was ist also das Wesentliche an den koranischen Aussagen zur Bestrafung? Hier zählt nicht der Buchstabe der gesetzlichen Regulierungen, sondern es kommt auf die tiefere Bedeutungsebene an, darin liegt die ethische Botschaft.

Der Theologe und Imam der Penzberger Moschee Benjamin Idriz sagt: “Bei Strafen geht es nicht um die Methode, sondern um den Zweck. Dieser Zweck besteht in der Aufrechterhaltung der Ordnung, der Sicherheit und Gerechtigkeit in der Gesellschaft (vgl. Grüß Gott Herr Imam; Diederichs Verlag, 2. Auflage, S. 18).

Quelle: Murad Wilfried Hofmann – Der Islam als Alternative

Abu Zaid – Mohammed und die Zeichen Gottes

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One Response to Ist es geboten, einem Dieb die Hand abzuschneiden?

  1. finde ich gut, allerdings sehe ich einige Details etwas anders als Ihr.

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