Können Koranverse andere Verse aufheben?

Überflüssige Verse?

Gott hat den Muslimen zugesagt, darüber zu wachen, dass Sein Buch für alle Zeiten unversehrt erhalten bleibt: “Wahrlich, Wir sandten die Ermahnung herab, und Wir wollen fürwahr ihr Bewahrer sein” 15:9

Dennoch gab es schon unter den frühesten Muslimen Meinungsunterschiede darüber, ob der unter Abu Bakr zusammen gestellte mushaf (Blätter) des Korans alles enthält, was Muhammad je geoffenbart worden war. Vor allem Umar vertrat die Ansicht, die koranische Offenbarung sei zeitweise viel umfangreicher gewesen als bei seiner Endredaktion; das Nichtaufgenommene sei durch spätere Offenbarungen ersetzt gewesen. Diese Ansicht stützt sich auf 87:6 wo es heißt: “Wir werden dich vortragen lehren, und Du wirst nichts vergessen, außer was Gott will.”

Sie erklärt sich im Übrigen daraus, dass manche Muslime im Verlauf der Offenbarungsjahre nicht immer klar zu trennen wussten zwischen Äußerungen des Propheten, die dem Koran zuzuordnen waren, und solchen, welche als vorbildliche, inspirierte Aussagen (lediglich) Teil seiner Überlieferung (Sunna) waren. Auseinander setzen müssen wir uns jedoch mit einer bedenklichen Theorie, der so genannten Doktrin der Derogation. Danach gibt es im Koran später geoffenbarte normative Verse, die früher geoffenbarte normative Verse des Korans nicht der Form nach, aber inhaltlich aufgehoben (derogiert) haben. Beide, der aufhebende Vers (an-nasikh) und der aufgehobene (al-mansukh), gelten weiterhin als rezitierfähige Bestandteile des Korans. Diese Theorie wurde entwickelt, weil es im Koran scheinbar widersprüchliche Verse gibt. Sie rechtfertigt sich damit, dass nur deskriptive koranische Botschaft (khabar) als Verkündung ewiger Wahrheiten unwandelbar ist. Rechtsregeln (ahkam) hingegen sind in der Tat von Gott mit Rücksicht auf den jeweiligen Entwicklungsstand der menschlichen Gesellschaft nach und nach verfeinert worden. So gibt es jeweils eine deutlich unterschiedliche Entwicklung im jüdischen, christlichen und islamischen Recht. Im Koran fand man eine Reihe von Versen, darunter 16:101, welche Derogationstheorie zu stützen schienen: “Was Wir auch an Versen aufheben oder in Vergessenheit fallen lassen, Wir bringen bessere oder gleichwertige dafür… 2:106

Als Beispiel für die schrittweise Einführung einer Regelung im Koran verwies man auf das Alkoholverbot, das mit Rücksicht auf die tief  verankerte Alkoholisierung der Gesellschaft in vier Schritten eingeführt wurde:

- In 16:67 geht der Koran ohne Werturteil auf berauschende Getränke ein.

- 2:219 behandelt Alkohol als ambivalent: von Nutzen, aber größerem Übel.

- In 4:43 wird Beten in angetrunkenem Zustand missbilligt.

-Mit 5:90 wird Alkohol als ein Gräuel allgemein verboten.

Dieses Beispiel demonstriert, dass das Hantieren mit an-nasikh und al-mansukh eine Kenntnis der Chronologie der Offenbarung voraussetzt, die uns in vielen Fällen abgeht. Es zeigt aber auch, dass mit Derogation gearbeitet werden kann, wo keine wirklichen Widersprüche vorliegen. Alle vier Äußerungen des Korans zum Thema Alkohol stehen zueinander in Harmonie. Alkohol ist weiterhin in mancher Beziehung (so in der Medizin) von Nutzen; wer trotz des Verbots trinkt, soll wenigstens nicht zum Gebet erscheinen. In diesen und anderen Fällen sah man die Aufhebung einer Regel, wo es tatsächlich nur um ihre Ausführung oder Ausgestaltung ging. (Murad W. Hofmann – Koran S. 32-34)

Muhammad Asad fasste die Bedenken gegen die Doktrin der Derogation in seiner Kommentierung von 2:106 zusammen: “Es sei eine Gott beleidigende Vorstellung zu glauben, dass Er sich innerhalb kürzester Zeit verbessern müsse. Der Prophet habe nie von Derogation gesprochen. Es sei alle sich widersprechenden Verse mit etwas Einfallsreichtum miteinander zu versöhnen. Die Doktrin widerlege sich durch ihre willkürliche Praxis selbst. Soweit der Koran von Aufhebung von Versen und ihrer Ersetzung durch neue spreche, beziehe er sich auf das Verhältnis des Korans als Ganzem zur Bibel: Die spätere koranische Offenbarung ersetze die frühere biblische, wie zum Beispiel hinsichtlich der Bestrafung von Unzucht.

Einige Gelehrte sind der Ansicht, dass der Vers 62 der Sura – al Bakara und der Vers 69 der Sura al Maida duch die Sure 3:19 (Die Religion bei Gott ist der Islam) ersetzt und aufgehoben wurde, wo Gott allen Menschen drei Bedingungen für das Erlangen des Paradieses aufgestellt hat: (Glaube an Gott, an den Jüngsten Tag und das Vollbringen guter Taten und Werke).

Hierzu möchte ich auf Prof. Dr. Süleyman Ates: Koran-Kommentar. Band 1, S. 171-175 aufmerksam machen:

“[...] Denn dieser Vers (mit den drei Bedingungen) ist kein Befehl, er ist eine Aufklärung. Das bedeutet, daß Gott an dieser Stelle nicht den Befehl erteilt, eine Sache zu erfüllen, sondern Er klärt über eine Tatsache auf. Und die erläuterte Tatsache ändert sich ja nicht, demzufolge kann sie auch nicht aufgehoben werden. Und Gott bewahre, solch eine Aussage würde bedeuten, Gott der Lüge zu bezichtigen. So eine Handlung geziemt sich nicht zum Ruhme Gottes.

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4 Responses to Können Koranverse andere Verse aufheben?

  1. SEO Blog says:

    Ein wirklich gelungener Artikel. Super!

  2. Ja so sehe ich das auch. Toller Standpunkt!

  3. Mellymel says:

    Sehr guter Beitrag! Weiter so…

  4. Thanks for this nice post you’ve made!

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