Der Koran. “ewig?” oder in der Zeit “erschaffen?”

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Über dieses Thema habe ich den Islam und Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Nasr Hamid Abu Zaid vorgezogen und aus seinem Werk >>Gottes Menschenwort<< zusammengefasst.

Der Koran ist die Rede Gottes; darin waren sich die Muslime alle Jahrhunderte hindurch einig. Eine Diskussion gab es jedoch in der Frage, ob der Koran ewig oder in der Zeit erschaffen ist, und diese Diskussion führte zu heftigen Kontroversen, ja zu Verfolgung auf diesem Gebiet. Sie dauerte von 833 bis 848. Ihr Held war Ahmad ibn Hanbal (st. 855), der den Vertretern der Zeitlichkeit und Erschaffenheit des Koran entschieden Widerstand leistete. Die heute im sunnitischen Islam vorherrschende Theologie ist die hanbalitische, der auf der Vorstellung bestand, dass der Koran ewige und unerschaffene Wort Gottes sei. Der Traditionalistische Islam, die der Wortwörtlichen Auslegung des Korans vertrat, hatte auch ein Gegner, die sogenannten Mutaziliten. Eine rationalistisch ausgerichtete Schule, die im 8. bis 9. Jahrhundert am einflussreichsten war. Die Mutazila etwa vertrat die Meinung, dass der Koran zeitlich und erschaffen sei, da er nicht zu den Attributen des ewigen göttlichen Wesens gehöre. Der Koran sei die Rede Gottes, und Rede sei eine Tat und keine Eigenschaft, weshalb er zu Gottes Tatattributen und nicht zu Seinen Wesensattributen gehöre. Zum Bereich der Tatattribute gehörte für die Schule auch das Attribut “Rede”, das die Existenz eines Angesprochenen erfordert, an den sich der göttliche Sprecher mit Seiner Rede wendet. Würden wir nämlich Gott als einen bezeichnen, dessen Rede ewig ist, dann hieße das, dass Er ohne die Existenz eines Angesprochenen gesprochen hätte, weil sich die Welt ja damals noch im Nichts befand, was der göttlichen Weisheit aber widerspräche. Die Wesensattribute dagegen sind diejenigen Attribute, die der Existenz der Welt nicht bedürfen, wie “Wissen”, “Macht”, “Ewigkeit” und “Leben”. So ist Gott der Mutazila zufolge “wissend in sich selbst”, “mächtig in sich selbst”, “ewig in Seinem Wesen”, “Lebendig in Seinem Wesen”. Und aus diesen vier Attributen ging dann die Welt hervor. Wenn es also das Leben, die Ewigkeit, das Wissen und die Macht nicht gegeben hätte, würde die Welt nicht existieren. Der Glaube, dass der Koran ewig ist, bringt die Vorstellung mit sich, dass Gott jedes einzelne Ereignis, das im Koran geschildert wird, vorherbestimmt habe. Wer diesen Glauben zurückweisen will, muss dagegen an die Erschaffenheit des Koran glauben.

Eines der Dogmen der Traditionalisten beruht sich auf den Vers 22 der 85. Sure: >>Auf  wohlverwahrte Tafel.<<

Was ist nun mit der “wohlverwahrten Tafel”, von der bestimmte Vorstellungen sagen, dass auf ihr der Koran verzeichnet sei? Ist diese wohlverwahrte Tafel ewig und zeitlos oder in der Zeit hervorgebracht und erschaffen? Sie muss wie Gottes “Thron” und Sein “Stuhl” in der Zeit hervorgebracht und erschaffen sein, denn sonst kommt man dazu, eine Vielzahl ewiger Wesenheiten anzunehmen, was innerhalb des islamisch-religiösen Erbes kein Denker akzeptiert. Wenn die “wohlverwahrte Tafel” aber nun erschaffen und in der Zeit hervorgebracht ist, wie kann der auf ihr niedergeschriebene Koran dann ewig und zeitlos sein? Führt uns das nicht zu einer Kette logischer Widersprüche, die den Inhalt als ewig setzen, während wir doch wissen, dass die Tafel, die diesen inhalt enthält, in der Zeit hervorgebracht und erschaffen ist?

Die Mutaziliten bestanden auf die Erschaffenheit des Koran, um zu verhindern, dass dem ewigen und einzigen Gott eine ewige Wesenheit an die Seite gestellt wurde. Die Hanbaliten aber verwehrten sich dagegen, dem Gotteswort das Attribut der Erschaffenheit zukommen zulassen. Die Politischen Machthaber – konkret: einige frühe abbasidische Kalifen zogen zu Beginn die Doktrin des erschaffenen Koran vor, weshalb die Anhänger der Doktrin des ewigen Koran verfolgt wurden. Als die Ideologie der Kalifen sich änderte und die hanbalitische Richtung den Vorzug erhielt, hatten die Vertreter der Erschaffenheit des Koran zu leiden. Der Streit wurde auf politischem Wege zugunsten der “Orthodoxie” und zu Ungunsten der “Heterodoxi” beigelegt.

Näheres zum Thema Prädistinationlehre (Vorherbestimmung) >>hier<< drauf klicken.

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