Über die Ursachen von Gewalt in der Politik

Dr. Murad Wilfried Hofmann:

Das, was am 11. September geschah, ist unter keinem Gesichtspunkt zu rechtfertigen, auch nicht als eine Kriegshandlung in einem unerklärten Krieg gegen Amerika. Trotzdem müssen wir uns bemühen, den Mechanismus zu verstehen, der zu dieser Gräueltat geführt hat, schon um Wiederholungen zu vermeiden. Solchen bemühen um Verstehen hat mit Billigen nichts zu tun.

Dabei ist zunächst festzuhalten, dass es nicht in erster Linie Muslime sind, die Welt mit Terror überziehen. Laut Statistik wurden die weitaus meisten Attentate gegen amerikanische Einrichtungen bisher in Lateinamerika verübt. Allerdings nennt man die dortigen Attentäter – wie diejenigen in Nordirland, im Baskenland und auf Koriska – niemals „christliche Terroristen“. Bin Laden gilt als „Muslim-Terrorist“, doch Slobodan Milosevic nicht als „christlich-orthodoxer“ Terrorist. Diese Doppelstandard erweckt den falschen Eindruck, Terror sei eine muslimische Spezialität. Damit will ich nicht behaupten, dass es für diese Annahme keinerlei realen Hintergrund gäbe. „Wo Rauch ist, da ist auch Feuer“, sagen die Amerikaner. Die relativ hohe Zahl von Attentätern aus dem muslimischen Umfeld hat jedoch nichts mit der Weltreligion Islam zu tun, sondern damit, dass Muslimen in dieser Welt überdurchschnittlich häufig Unrecht angetan wird.

Was den Islam anbelangt, so hat er seit jeher streng genommen Gewalt nur in zwei Fällen erlaubt:

a) zur Maßvollen Abwehr eines Angriffs von außen. (2:194) und

b) zum Widerstand im Innern gegen rechtswidrige Unterdrückung durch ein Unrechtsregime.

Der Islam erlaubt also keine Aggression, sondern ausschließlich Verteidigung. (4:90) Allerdings ist die Welt inzwischen zu einem Dorf geworden, in dem nicht immer zwischen einem Angriff von außen und Unterdrückung im Innern, also einem Weltbürgerkrieg á la Bin Laden, klar unterschieden werden kann. Muslime sind durch den Qur’an verpflichtet, in Fragen des Glaubens auf Zwang zu verzichten (2:256) und die Mitglieder anderer Religionen nicht nur zu tolerieren, sondern zu beschützen. Am wichtigsten in diesem Zusammenhang ist das koranische absolute Verbot von Selbstmord (4:29) und der Tötung Unschuldiger. Auf Mord steht die Todesstrafe (2:178) und im Jenseits die Hölle. (4:93) Der Mörder eines Einzelnen wird betrachtet, als habe er die ganze Menschheit umgebracht. (5:32)

-Terrorismus ist ein zeitlos, weltweites Phänomen.

-Es gibt nicht nur individuellen, sondern auch staatlichen Terror.

-So wie Staaten keine Religion haben, hat auch der Terror keine Religion.

-Der Islam erlaubt Widerstand gegen Unrecht, verbietet jedoch das Töten Unschuldiger, Selbstmord, Handeln aus Rachsucht und Extremismus.

-Terroristen aus dem muslimischem Umfeld stellen in der weltweiten Terrorszene nicht die Mehrheit dar.

-Hauptwurzel des nicht staatlichen Terrorismus ist aus Armut und Ungerechtigkeit geborene Verzweiflung.

-Daher kann Terror mit militärischen Mitteln nicht beseitigt werden.

Solange es keinen gerechten Frieden in Palästina gibt, wird es Attentäter aus dem muslimischen Umfeld geben. Dabei könnte Usama bin Laden nach seinem Tod als Mytos noch gefährlicher als zuvor werden. Der wichtigste Schlüssel für die Terrorbekämpfung im muslimischen Umfeld liegt daher gleichzeitig in Jerusalem und Washington.

-Niemand kann das, was am 11. September geschehen ist, ungeschehen machen. Aber wir alle können die Opfer dieses schrecklichen Tages in unser Gebet einbeziehen. Möge Allah, der Barmherzige, ihnen gnädig sein

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One Response to Über die Ursachen von Gewalt in der Politik

  1. Eddy says:

    Sehr guter Komment!

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