Der Sufismus

PDF DOWNLOAD

Das Wort Sufismus, Sufik oder Sufitum kommt von >>Tasawwuf<< oder >>Suf<<, d.h. Wolle, eine Bezeichnung, die zuerst in Kufa um das Ende des achten Jahrhunderts auftauchte und bald allgemein üblich wurde. Sie rührt von dem aus Flicken groben Wollstoffes zusammengenähten Mantel (hirqa) her, wie ihn dort um diese Zeit einige Asketen – die Sufis – zu tragen pflegten. Sie selbst zogen es allerdings vor, sich >>al-qaum<<, das Volk, auch Brüder, Gefährten oder einfach Armer (faqir) zu nennen. Die islamische Mystik hat drei Begriffe die nach außen prägen: Derwisch (die, die sich lange um sich herum drehen), Sufismus oder Sufi und Tariqa. Die Brüder der Tariqa sind ihrem Shaikh zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet. Eine Regel lautet: >>Du sollst in der Hand des Shaikhs sein wie der Tote in der Hand des Leichenwächers.<< Der Novize soll seinem Meister zudem mit offenem Herzen begegnen: >>Verbirg nichts vor deinem Shaikh, wie der Kranke nichts vor seinem Arzt verbirgt<<, lautet eine andere Regel. Der Weg des Sufismus führt direkt zu Abu Hanifa (699-767), dem Gründer der hanifitischen Rechtsschule des sunnitischen Islam. Abu Hanifa war der Sufi-Lehrer von Maulana Daud Ibn Tai (gest. 781); dieser wiederum war der Meister von Maulana Maruf Karkhi (gest. 815), der von seinen Anhängern als >>König Salomon<< verehrt wurde und der das Urbild der heutigen Sufi-Gemeinschaften gründete: Die >>Al-Banna<<, den Orden der Baumeister.

Sufismus sagt man, ist Aufrichtigkeit, und diese ist gleich ihsan. Der Prophet (s) hat von drei Graden in der Religion gesprochen: Islam, Unterwerfung, iman Glaube, und ihsan, was die Vervollkommnung der Unterwerfung und des Glaubens ist und gewöhnlich als >>Vortefflichkeit<< übersetzt wird. Der Sufismus ist dieser Definition nach das Mittel, sowohl Unterwerfung unter Gott als auch Glauben an Gott zu ihrem logischen Schluß zu bringen oder einfach aus dem Glaubensbekenntnis La ilaha illa Allah – seine endgültige Bedeutung zu gewinnen. Es geht dabei darum, bis zum Ende des Weges zu wandern. Der Sufi wird als “Reisender” beschrieben oder als einer, der “vorwärts eilt”: >>Wetteilet miteinander zur Verzeihung eures Herrn und zum Paradies, dessen Breite gleich Breite des Himmels und der Erde ist, bereitet für diejenigen, welche an Allah und seine Gesandten glauben. Das ist Allahs Huld, die Er gibt, wem Er will. Und Allah ist von großer Huld<< (Sura 57:21). Der Sufismus könnte, wie einige Fachleute meinen, ganz einfach als dhauq (Schmecken) definiert werden. Der Sufismus – und dies hat er mit jeder authentischen Mystik gemein, sagt mit unerbittlicher Festikeit: >>Nicht ich!<<, >>Nicht ich, Herr, sondern Du und Du allein!<< Die erste Stufe auf dem Pfad führt nicht zur Selbstverherrlichung, sondern zur Selbstauslöschung, die im Islam fana genannt wird im Einklang mit dem Koranvers: >>Alle auf ihr [der Erde] sind vergänglich (fan), aber es bleibt das Angesicht deines Herrn voll Majestät und Ehre<< (Sura 55:26-27).

Der Prophet (s) hat gesagt: >>Es gibt Reinigungsmittel, um Rost von allem zu entfernen, und das Reinigungsmittel für Herzen ist das Gedenken an Allah!<< Die Grundlage jeder Sufi-Praktik ist Anrufung, “Gedenken” oder “Erwähnen” (dhikr) des Heiligen Namens Gottes oder einer Formel, die von Dem Namen beherrscht wird, wie Allahu akbar! Und wir sind dessen gewiß, daß Gott in Seinem Namen gegenwärtig ist oder sich vergegenwärtigt, wenn unsere Lippen sich beim Namen Seines Namens bewegen oder wenn wir ihn still in unseren Herzen erwähnen. Für die Sufis ist die ständige Anrufung, das ständige “Gedenken”, der Schlüssel zu jedem Schloß – könnte es ein Schloß geben, das der Macht des Allmächtigen widersteht? -, und sie ist auch die eigentliche Essenz  des Gebetes, denn nach der Erwähnung des Gebetes als solchem sagt uns der Koran: wa la dhikrullahi akbar (>>und wahrlich das Gedenken an Gott ist größer<<) (Sura 29:45).

Die ganze Kunst oder Wissenschaft des Sufismus besteht in der Vervollkommnung des dhkir und darin, ihn immerwährend dauern zu lassen (so daß er selbst inmitten aller anderen Aktivität weiter im Herzen singt). Dies entspricht einem ununterbrochenen Bewußtsein der göttlichen Gegenwart. Schließlich ist dann, wie die Sufis es sehen, das Herz, das durch Reinigung und mittels des dhikr seines Schutters entleert ist bereit, der Sitz Dessen zu werden. Dessen Thron alle Dinge umschließt, und sie erwähnen in diesem Kontext ein hadith qudsi: >>Mein Sklave hört nicht auf, sich Mir zu nähern durch freiwillige Andachten, bis Ich ihn Liebe; und wenn Ich ihn liebe, dann bin Ich das Ohr, mit dem er hört, und das Auge, mit dem er sieht, und die Hand, mit der er greift und der Fuß, mit dem er geht<<.

Kehren wir zu der Eingangsbehauptung zurück, dass es Sufis im Islam nicht gebe. Jemand fragte Meister Abu Hafs Omar Suhrawardi: Wer ist ein Sufi? Der Meister antwortete: Ein Sufi fragt nicht, wer ein Sufi ist!

Zu den großen Gelehrten des Sufismus gehörten: Schamsuddin Hafiz, Mansur Al-Halladj, Abu Hanifa, Ibn Arabi aus Andalusien, Abu Hamid Al-Ghazzali (gest. 1111), Dschelaluddin Ar-Rumi (gest. 1273), Fariduddin Attar, Husain Mansur Al-Halladsch (gest. 922), und Muhamad Iqbal.

Quellen:

Charles Le Gai Eaton – Der Islam und die Bestimmung des Menschen

Muhammad Salim Abdullah – Islam

Murad Hofmann – Der Islam als Alternative

This entry was posted in Allgemein. Bookmark the permalink.

One Response to Der Sufismus

  1. This is one of the most outstanding blogs Ive understand in a very extended time. The amount of details in the following is stunning, like you virtually wrote the book about the topic. Your website is wonderful for anyone who really wants to realize this topic a lot more. Good material; make sure you continue to keep it up!

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>