Die Fürsprache des Propheten am Jüngsten Tag?

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Zunächst wollen wir den Begriff “Schefaat” was wir als Fürsprache kennen etwas genauer erläutern. Im Islam ist dies ein anderer Begriff des Bittgebets. In dieser Hinsicht kann jeder gläubige Mensch einen “Schefaat” (Bittgebet) einlegen. Einer der bedeutenden Figh (Rechts und Jurisprudenz) Gelehrten aus dem 13. Jahrhundert Izz b. Abdisselem drückte es wie folgt aus: “Ein Bittgebet ist gleichzeitig eine Fürsprache. Verwandte wie auch Fremde Personen können es füreinander tun”. (el-Kavaid, 99)

Ein Unterschied ist jedoch, wie der Begriff “Schefaat” als solchen verstanden wird. Der größte Teil der Muslime vertritt jedoch die Dogma einer Fürsprache des Vermittlers. Nämlich, dass der Prophet am Tag des Gerichts als Vermittler für alle Muslime eine Fürsprache einlegen wird. Leider gibt es diesbezüglich Zahlreiche erfundene Überlieferungen (Hadithe), die den Status der Unantastbarkeit trägt und nicht hinterfragt werden dürfen. Der Hadithgelehrte Muhammad Nasiruddin al-Albani (gest. 1999) stufte alle Überlieferungen diesbezgl. als Schwach ein (Albani; ez-Zaifa 5/ 129, 229-230.) Doch was sagt der Glorreiche Koran dazu? Wird der Prophet eine Fürsprache für alle Muslime halten und durch seine Vermittlung alle in den Paradies eingehen? Der Koran hat hierzu klare Stellung gezogen:

Nirgends im Koran findet sich die Grundlage hierzu. Im Gegenteil. Der Koran sagt eindeutig, dass Gott allein die Fürsprache gebührt und niemand ohne Seine Erlaubnis eine einlegen kann:

“”Sprich: “Gott allein gehört die Fürsprache”". (Koran 39:44)

“”Und macht euch darauf gefaßt, einen Tag zu erleben, an dem niemand etwas anstelle eines andern übernehmen kann, und  von niemand Fürbitte oder Lösegeld angenommen wird”". (Koran 2:48)

“”An diesem Tag wird keine Fürsprache nützen, außer wenn es der Barmherzige erlaubt und wenn die Worte des Fürsprechers Ihm wohlgefällig sind”". (Koran 20:109

(siehe auch, Sure Baqara 123, 254, 255. Sure Yunus 18. Muddessir 48. Maria 87. Enbiya 27-28. Necm 26)

Da im Koran kein Name erwähnt wurde, dass durch Gottes Erlaubnis eine Fürsprache/Vermittlung eingelegt werden kann, sehen wir uns gezwungen einen Analogieschluss daraus zuziehen, dass keine Person solch eine Erlaubnis bekommen wird wenn wir die anderen Verse im Zusammenhang betrachten und sie nicht außer acht lassen. Diese Verse beziehen sich zwischen den Menschen. Der einzige Unterschied lässt uns jedoch wissen, dass die Engeln die einzigen Geschöpfe sind die durch Gottes Erlaubnis eine Fürsprache einlegen können. So heißt es im Koran 21:28: “Sie (Engeln)  legen Fürsprache nur für die ein, die Gott wohlgefällig sind, und sie nehmen sich aus Gottesfurcht stets in acht”. Der überall verbreitete Glaube der vorislamischen Zeit, besonders im arabischen Halbinsel war Götzendienst. Diese dienten zu dem Zweck, vor Gott eine Fürsprache einzulegen und wurden somit als Vermittler eingesetzt. Diese Glaubenslehre hat heute noch ihre Wurzeln geschlagen indem diese Eigenschaft dem Propheten zugeschrieben wird. Was der Koran streng verurteilt und die Vermittlung/Fürsprache als Götzendienst bzw.Vielgötterei bezeichnet, ist heute bei den meisten Muslimen in bezug auf den Propheten wie auch im Sufismus (islamische Mystik) eine fest verankerte Grundlage der Heiligenverehrung. Sie ist somit eine strenge, nicht hinterfragte Dogmatik die wir jedoch strikt ablehnen.

Als Beleg für ihre Richtigkeit wird häufig folgender Vers herangezogen: “”Und fürwahr, dein Herr wird dir geben und du wirst wohlzufrieden sein” (Koran 93:5.) Philologisch wie auch literarisch betrachtet gibt es nirgends eine authentische Überlieferung wie auch keine Grundlage im Koran, diesen Vers demnach so auszulegen, dass diese Angelegenheit sich auf die Fürsprache im Jenseits bezieht. Solch eine Interpretation gleicht einer Vergewaltigung der Koranverse. Prof. Dr. Süleyman Ates schrieb hierzu: “Dieser Vers wurde zu Anfangszeiten der Offenbarungen herabgesandt und bezieht sich auf weltliche Angelegenheiten. Der Prophet hatte zu der Zeit, als dieser Vers geoffenbart wurde keine große Gemeinschaft. Dies bezieht sich z.B. auf das Wachstum der Gemeinschaft, die Einnahme von Mekka wie auch viele andere positiven Ereignisse die sich zu Lebzeiten des Propheten abgespielt haben”. (Yüce Kur’an’in Cagdas Tefsiri; Band 10/ 513-518.) Ebu A’la el-Maududi (gest. 1979) unterstreicht diesen Vers mit der Kommentierung, dass diese sich auf weltliche Dinge bezieht und sich schon während der Offenbarungsperiode erfüllt haben. (Tefhimu’l Kur’an; Band 7/ 155)

Nirgends im Koran findet sich die Ausnahme, dass dem Propheten wie auch anderen Personen eine Vermittlerrolle zugeschrieben wird. Anhand zahlreicher Koranverse konnten wir somit das Gegenteil beweisen. Der Koran teilt uns zudem jedoch mit, dass der Prophet sich über sein Volk beschweren wird:

“”Und der Gesandte wird sprechen: “O mein Herr, mein Volk hat wirklich diesen Koran von sich gewiesen”". (Koran 25:30)

 

 

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Islamic theologian
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