Gute Kritik an Yasar Nuri Öztürk

Der Islamwissenschaftler und Orientalist Gerhard Schweizer und seine Kritik an Yasar Nuri Öztürk

Eine kleine Kurzfassung aus dem Buch “Die Türkei – Zerreißprobe zwischen Islam und Nationalismus” S. 161

Der Erfolg des Reformtheologen Öztürk.

Yasar Nuri Öztürk ist bisher der einzige türkische Theologe, der in Deutschland zumindest bei einschlägig interessierten Lesern relativ bekannt ist. Einige seiner in Türkei mit hohen Auflagen verbreiteten Büchern liegen inzwischen auf deutsch vor. Ein solcher Bekanntheitsgrad weit über den eigenen Kukturraum hinaus ist für einen muslimischen Theologen ungewöhnlich. Er begann als Sohn besonders frommer Eltern bereits im Alter von drei Jahren den Koran auf arabisch auswendig zu lernen. Sein Vater schickte ihn nicht auf eine staatliche Schule, sondern unterrichtete ihn zu Hause in Arabisch und Persisch, den klassischen Bildungssprachen der Osmanenzeit, darüber machte er ihn mit theologischen und philosophischen Standardwerken wie auch mit islamischer Mystik bekannt. Erst im Alter von 16 Jahren erwarb Öztürk als Externer sein Grundschulzeugnis und eignete sich in den folgenden Jahren die säkularen Bildungsinhalte der Republik Türkei an.

1968, nun 23 Jahre alt, erhielt er die Zulassung zur Universität und studierte zunächst in Istanbul Jura. Bis 1976 arbeitete er als promovierter Rechtsanwalt, schrieb aber daneben schon theologische Kolumnen für verschiedene Zeitungen. 1980 promovierte Öztürk in Islamischer Philosophie. Sieben Jahre später moderierte er seine erste Fernsehsendung zu Glaubensfragen. Seither ist kein türkischer Theologe häufiger im Fernsehen aufgetreten. Die Zahl seiner Bücher, alle sehr verständlich geschrieben, beläuft sich inzwischen auf über 70, viele von ihnen erreichen hohe Auflagen. Seit 1993 ist er ordendlicher Professor und Dekan der Theologischen Fakultät an der Universität Istanbul. Für westliche Beobachter ist oft von vorrangingem Interesse, daß sich ein muslimischer Reformtheologe gegen die Unterdrückung von Frauen wendet. Naturgemäß finden sich entsprechende Kapitel auch in diesem Werk “Der verfälschte Islam”. Ob es sich nun um die Verschleierung, die rechtliche Benachteiligung, die Soziale Ausgrenzung handelt: Öztürk belegt anhand zahlreicher Beispiele aus der Geschichte und Gegenwart, daß >>archaische Sitten und Gebräuche<< in der islamischen Gesellschaft teilweise die ursprünglichen Aussagen des Korans überdecken, der den Frauen >>mehr Freiheit<< und >>Würde<< einräumt. Öztürk ist mit seinen Ausführungen, ob es sich nun um die Kritik am Arabischen als der dominierenden Sakralsprache handelt oder um seine positive Einschätzung >>ketzerischer<< Sufis und Derwische, eine Provokation für traditionell orientierte Muslime. Die Kritik seiner Gegner gipfelt in dem Vorwurf, er sei >>vom wahren Glauben abgefallen<<. Öztürks Anhänger aber, Angehörige einer religiös reformorientierten Bildungschicht, verehren ihn als einen >>türkischen Luther<< oder als einen >>Jungtürken des Islam<<. Sie vertreten die Ansicht, Öztürk sei es mit seiner starken Präsenz in den Medien gelungen, viele säkularen Türken des Islam in einer Form nahezubringen, die im Einklang mit der Moderne stehe. Dadurch habe er dazu beigetragen, daß religiöse säkulare Türken über die von ihnen errichtete Mauer hinweg wieder miteinander kommunizierten.

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